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Nordfriesland Tageblatt

19. August 2017 | 09:42 Uhr

Filmdreh : Großes Kino für Soldat Keyser

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Als Komparse spielt der Süderlügumer Daniel Keyser zwei Tage lang beim Dreh für den Nachkriegs-Kinofilm „Unter dem Sand“ mit.

Eventuell ist er später tatsächlich auch auf der Kinoleinwand zu sehen. Wie er mit den anderen Kriegsgefangenen vom Truppentransporter springt. Oder wie er sich im Schlafsaal ausruht. Vielleicht ist er nur für eine Sekunde im Bild, möglicherweise aber auch mit einer Nahaufnahme. Doch selbst wenn ihn Freunde und Familie beim Kinostart 2015 gar nicht zu Gesicht bekommen, werde sich die Sache gelohnt haben. „Weil es eine nette Erfahrung ist“, sagt Daniel Keyser aus Süderlügum. Der 36-jährige Unternehmer gehört zu den 125 Komparsen, die beim Dreh der deutsch-dänischen Koproduktion „Unter dem Sand“ dabei sein dürfen.

Knapp zwei Wochen bilden nun schon Teile ehemaliger Bundeswehranlagen in Leck und Enge-Sande die Kulissen für einen Nachkriegsfilm (wir berichteten), der sich mit dem Leid junger, deutscher Kriegsgefangener beschäftigt. Unter Lebensgefahr mussten sie nach dem Zweiten Weltkrieg an der dänischen Westküste nach Minen suchen. Flächendeckend wurde in den Medien und einem Uni-Newsletter nach Mitwirkenden gesucht, weshalb die Komparsen an den Drehtagen auch von überall herkommen. Aus Plön, Hamburg und Kiel, aber auch aus Niebüll, Stadum und Enge. Zwischen 18 und etwa 65 Jahre sind die Männer alt, so wie die Soldaten des „Volkssturms“ es früher auch waren.

Mit ins Team darf, wer den Vorstellungen eines deutschen oder dänischen Soldaten entspricht. Sichtbarer Körperschmuck wie ein Piercing oder Tattoo sind tabu, lange Haare ebenfalls. Daniel Keyser, der sich per Mail bewarb, ist beim Fitting des Castings erst spät an der Reihe, weshalb in seiner Konfektionsgröße nicht mehr viele Kostüme übrig sind. Nur eine Filzuniform der Gebirgsjäger mit gefüttertem Wintermantel passt. Sogar eine lange Baumwollunterhose erhält der Südtonderaner, da der Stoff der Uniform sonst früher oder später ein Jucken verursachen würde. Nicht das beste Outfit bei Sonnenschein am ersten Drehtag. Und auch nicht besonders geeignet, wenn sich der Filz, wie am zweiten Drehtag, mit Regenwasser vollsaugt.

Die Arbeit beginnt für die Komparsen morgens mit Ankleiden. In einer großen Halle steht für jeden Mitwirkenden ein Kleiderhaken mit Kostüm bereit. Anschließend geht es in die Maske. Mit einem Schwämmchen tupfen Maskenbildner braune Schminke und Kunstblut auf die Gesichter, Hälse und Hände. Daniel Keyser erhält zudem den typischen Haarschnitt der 40er Jahre verpasst. „Die Nordfriesen sind unkompliziert und geduldig“, plaudert eine Visagistin. Werde hingegen in Hamburg gedreht, so seien oft erfahrene Komparsen mit dabei, die sich wie Stars verhielten. „Die wollen mitreden, wie wir sie schminken sollen.“ In nur zehn Minuten verwandelt die Maskenbildnerin Daniel Keyser, in der Produktionsliste geführt als Komparse Nummer 112, in einen Kriegsgefangenen. „Es ist schon komisch, in die Rolle eines Wehrmachtssoldaten zu schlüpfen.“

Vor den Takes müssen sich die Komparsen dann in Zweierreihen aufstellen. Ausstatter schreiten kritisch die Reihen ab, um den Gesamteindruck zu kontrollieren. Nichts, was nicht in die damalige Zeit gehört, darf am Mann bleiben. Keine Uhr am Handgelenk, kein Ohrring, kein goldener Ehering. Ein Komparse handelt sich Ärger ein, weil seine Tennis-Socke zu sehen ist. Und wer in Uniform noch zu gepflegt aussieht, muss zum Nachbessern erneut in die Maske.

Die erste Szene am ersten Drehtag des Süderlügumers ist schnell im Kasten: runter vom Truppentransporter, rein in den Schlafraum. Die Anweisungen kommen kurz und knapp übers Megafon und lassen genügend Spielraum für Improvisation. „Wer im Januar bis März Geburtstag hat, legt sich direkt auf die Matratzen. Die anderen packen erst ihren Rucksack aus“, heißt es am Set vom Filmteam. „Alles ist straff durchorganisiert. Man merkt, die machen das hier nicht zum ersten Mal“, erkennt Daniel Keyser bewundernd an.

Am zweiten Arbeitstag wird dem Familienvater schnell klar, dass jeder Dreh aber auch mit Wartezeit verbunden ist. Bis so ein „Und Action“ fällt, vergeht viel Zeit. Stunden sind es. Die Geduld des Filmteams wird durch kräftige Schauer, die immer wieder für Unterbrechungen sorgen, noch strapaziert.

Für die Schauspieler stehen in den Regenpausen Klappstühle und Aufenthaltsräume bereit, die Komparsen dagegen suchen sich auf dem Gelände einen Unterschlupf und Platz zum Ausruhen. Sie plaudern, scherzen, rauchen und fotografieren sich mit ihren Handys. Ein kleinerer Komparse mit brauen Haaren hat von der Maske einen Seitenscheitel sowie einen Zweifinger-Bart verpasst bekommen, sodass er aussieht wie ein Adolf-Hitler-Double, was ihn bei den anderen Mitwirkenden zum beliebten Fotomotiv macht. Selfies mit ihm machen alsbald bei WhatsApp die Runde.

Einige wenige Komparsen tragen besondere Uniformen, denn sie spielen die Rollen der dänischen Soldaten. Auch sie kannten sich vorher nicht, finden sich in den Pausen aber in Grüppchen wieder. So stehen die Dänen häufig etwas abseits von den anderen. Und auch der Humor am Set passt sich den jeweiligen Uniformen an. Besonders beim Schlange-Stehen vorm Mittagsessen (Rübenmus) versuchen sich die dänischen Soldaten scherzhaft mit Kommandos wie „Wegtreten!“ oder „Platz da, Soldat!“ Vortritt zu verschaffen. „Es ist erstaunlich, was eine Uniform ausmacht“, stellt Daniel Keyser fest.

Erst am späten Nachmittag lässt der Regen die Aufnahme der Szene zu, die im Kinofilm später der Einstieg sein wird. Die Kriegsgefangenen marschieren immer wieder in Zweierreihen um einen Jeep. „Und Action“, dann „Cut“. Der Dreh selbst geht schnell. Um 20 Uhr ist Daniel Keyser fertig und zufrieden.

Für einen zehn Stunden Drehtag erhält jeder Komparse 60 Euro. „Fürs Geld macht das hier aber wahrscheinlich niemand“, resümiert Keyser. Auch nicht fürs Essen. „Es hat einfach Spaß gemacht, Teil einer so großen Produktion zu sein.“

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erstellt am 20.Aug.2014 | 08:00 Uhr

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