Integration : Grammatik lernen durch Gezeiten

Neue Perspektiven für eine Zukunft in Nordfriesland: Dolmetscher Omar Haidari, Klaudia Meyer, Bernd Mau mit den jungen Flüchtlingen.
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Neue Perspektiven für eine Zukunft in Nordfriesland: Dolmetscher Omar Haidari, Klaudia Meyer, Bernd Mau mit den jungen Flüchtlingen.

Neue Chance für junge Geflüchtete: Integration durch Qualifikation, Praktika, Wertevermittlung und Landeskunde beim BAW Südtondern.

shz.de von
22. März 2017, 07:00 Uhr

Sie heißen Mohamad oder Zara, sind vor Monaten ins Land gekommen und wurden hier volljährig. Damit sind sie theoretisch für sich selbst verantwortlich. Für junge Afghanen hat Schleswig-Holstein zwar einen Abschiebestopp verhängt, dennoch ist ihre Lage höchst unsicher. Ein Zugang zur Ausbildung oder Arbeitswelt ist ihnen oft verwehrt. „Um diese Menschen nicht sich selbst zu überlassen, haben wir ein neues Projekt gestartet“, erklärt Hauke Brückner, Geschäftsführer der Bildungs- und Arbeitswerkstatt (BAW) Südtondern in Niebüll. „Seit dem 1. März bieten wir die neue Maßnahme ‚Integration durch Arbeit’ (IdA) an. Zielgruppe sind volljährige Geflüchtete, die sich durch ein Praktikum, die Vermittlung kultureller Werte und Verbesserung der beruflichen Sprachkompetenz höhere Chancen auf eine Ausbildung oder Beschäftigung erarbeiten.“

Für die auf zwölf Personen beschränkte zehnmonatige Maßnahme stehen mit Klaudia Meyer und Bernd Mau zwei Integrationscoaches bereit. Handwerk und Gastgewerbe ziehen mit und bieten Praktika an. Das klappt in Einzelfällen bereits gut.

Rund um den Tisch sitzen junge Männer, die unterschiedliche Schicksale haben. Sie haben Schreckliches erlebt und haben in Niebüll eine neue Heimat gefunden. In den ersten Monaten haben sie bereits Deutsch-Grundkenntnisse erlernt. „Das soll jetzt vertieft werden“, sagt Klaudia Meyer. „Dafür sitzen wir morgens zusammen, besprechen politische Nachrichten und studieren die Zeitung.“

Zuvor gab es eine individuelle Prüfung des Einzelnen: eine Erhebung der vorhandenen Sprach- und Berufskenntnisse/-qualifikationen, der Schulabschlüsse, Berufsinteressen, mögliche Hilfen bei der Anerkennung von vorhandenen Abschlüssen, eine Potenzialanalyse und eine Lernzielvereinbarung zählen zu dieser ganzheitlichen Analyse. „Jeder hat andere Begabungen“ erläutert Bernd Mau. „Mancher muss von vorn anfangen.“ Wie ein junger Fliesenleger, der zwar super arbeitet, aber noch keinen Abschluss vorweisen kann. Zara hat zwar zwei Berufe, diese Abschlüsse werden hier aber nicht anerkannt. Nun möchte sie eventuell als Hebamme oder Kinderkrankenschwester arbeiten. Während einer der jungen Männer aus der Unterkunft Südergath im Lager arbeitet, hat der andere in der Autowerkstatt eine Aufgabe gefunden. Die Teilnehmenden sollen ihre Berufsinteressen herausfinden, berufliche Kenntnissen vermittelt bekommen und diese vor Ort praktisch im BAW erproben zu können. „Wir sorgen auch für die Mobilitätssicherung zwischen Wohnstätte und Maßnahme“, betont Hauke Brückner. Nordfriesland kennenlernen und dabei Deutsch begreifen: „Wir waren auch in Südwesthörn und haben anhand von Ebbe und Flut Präpositionen gelernt“, erläutert Klaudia Meyer. Denn Landeskunde, Wertevermittlung, politische Bildung, Informationen über den deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sowie Betriebsbesichtigungen gehören auch zum Programm.

Der Einstieg vollzieht sich laufend, derzeit sind noch Plätze frei. Auch junge Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern, etwa Jemen, haben eine Chance. Interessierte können sich bei Bernd Mau oder Klaudia Meyer unter Telefon 04661/969521 oder über die BAW-Homepage www.baw-suedtondern.de melden. Getragen wird die Maßnahme vom Schleswig-Holsteinischen Ministerium für Schule und berufliche Bildung mit Unterstützung durch das Amt Südtondern und dem Kreis Nordfriesland. Das Angebot wird landesweit angeboten. 


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