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Nordfriesland Tageblatt

22. August 2017 | 06:12 Uhr

Gerissen, nicht geschnitten

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

„Tante Anna“ Thomsen (94) aus Soholm hat Fotos aus dem Nordfriesland Tageblatt gesammelt und zu einer zweiseitigen Collage vereint

„Man darf sie nicht ausschneiden, dann gibt es Schnittstellen“, erklärt Anna Thomsen. „Reißen und dann zusammenkleben. Es dürfen keine Übergänge zu sehen sein.“ Kaum zu glauben: Die Frau, die so frei von der Leber erzählt, wird im kommenden Monat 95 Jahre alt. Ebenfalls kaum zu glauben: Immer noch lässt sie ihrer Kreativität freien Lauf. Ihr jüngstes Werk: eine zweiseitige Collage (50 mal 110 Zentimeter groß) mit Motiven aus Südtondern: Kinder, Radfahrer, Tiere und Reetdachhäuser, Windkraftanlagen, aber auch Wälder.

Die Vorlagen entdeckte sie im „Nordfriesland Tageblatt“, sammelte sie und verwahrte alle gut. „Im Herbst fing ich an, die Teile zu sortieren und dann zu puzzeln.“ Anna Thomsen fügte aneinander, was so noch nie zusammen zu sehen war. „Am schwierigsten ist der Anfang. Dabei muss man auch auf die Größe der Motive achten und darauf, dass sie zusammenpassen“, erklärt sie. Sie klebte die Teile auf die beiden Seiten eines ehemaligen Mittelpiegels, der einmal zu einer Frisierkommode gehörte, bearbeitete alles mit Servietten-Technik. Zum Schluss kam Lack drüber. Die Farben haben inzwischen ein wenig gelitten („Es stand den ganzen Winter über auf der Veranda“), aber immer noch sind die beiden Bilder ein Fest für die Augen des Betrachters. Ständig gibt es etwas Neues zu entdecken. „Ich wollte etwas Nützliches machen, ohne viel Geld auszugeben“, erklärt die Hobbykünstlerin ihre Motivation. „Ein paar Wochen sind dafür schon hinweggegangen.“

Geboren wurde „Tante Anna“, wie sie heute noch von allen genannt wird, in Klixbüll. Zunächst war sie bei einem Bauern „in Stellung“. Ab 1949 führte sie mit ihrem Ehemann eine Landstelle in Soholm. Elf Jahre betrieb sie die Soholmer Poststelle, danach war sie elf Jahre lang Näherin in Niebüll beim Sanitätshaus Fritsch. Dort fertigte sie unter anderem Bandagen und andere medizinische Hilfsmittel. Seit Oktober wohnt Anna Thomsen in Langenhorn im Haus „Schimmelreiter“.

Ihr künstlerisches Talent kommt nicht von ungefähr. Sie hat lange Zeit mit Colormade, einer waschechten Stoffmalfarbe aus Tuben, gearbeitet. Aber auch Porzellanmalerei ist eine ihrer Schwächen. „Ich habe ganze Ess-Service bemalt“, berichtet sie. Und über ihre Motivauswahl: „Was mir gefiel, habe ich versucht, nachzumachen.“ Hallig-Landschaften, Tiere, einfach alles. Viele ihrer handgearbeiteten Stücke hat sie verschenkt oder verkauft. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen hat sie in privaten Kursen weitergegeben. Hinzu kam Weißstickerei, wie Hardanger. Und ihre beiden Kinder hat sie regelmäßig mit selbstgefertigten Pullovern und anderen Kleidungsstücken versorgt.

Doch „Tante Anna“ war auch handwerklich gut drauf. „Du kannst sogar mauern“, erinnert sie eine ehemalige Nachbarin, die gerade zu Besuch ist. „Jo, wenn datt knippt“, antwortet Anna Thomsen direkt auf Plattdeutsch und mit einem Augenzwinkern. Sie sei eine Ratgeberin für alle in allen Lebenslagen gewesen, ergänzt die Nachbarin. „Sie hat allerlei Tricks drauf.“ Die Antwort von Anna Thomsen: „Das habe ich gar nicht so wahrgenommen, es war selbstverständlich für mich.“ Und dann fügt sie spitzbübisch hinzu: „Wer sich nicht zu helfen weiß, ist es nicht wert, in Verlegenheit zu geraten.“

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erstellt am 21.Feb.2014 | 11:58 Uhr

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