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Nordfriesland Tageblatt

19. August 2017 | 21:13 Uhr

Gemeinsam leben und schrauben

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mehr Mobilität für Geringverdiener und Asylsuchende ist das Ziel einer gemeinnützigen Fahrradwerkstatt mitten in Niebüll

Fahrradfahren gehört in Europa wie selbstverständlich zum Alltag. Der Sprung auf den Drahtesel ist jedoch nicht überall normal: In arabischen Millionenstädten wie Kairo, Damaskus oder Bagdad kommt Fahrradfahren einem Selbstmordversuch gleich. Zu chaotisch, zu dicht ist der Autoverkehr zwischen Nil und Tigris.

In Niebüll und Umgebung ist das anders. Auch hier gehört das Zweirad zum Straßenbild. Für die meisten Flüchtlinge aus Nordafrika, die in Südtondern Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen, ist Radfahren als Fortbewegungsmittel daher echtes Neuland. Mit einem gemeinnützigen Werkstattprojekt werden die Geflohenen in Niebüll deshalb mit gebrauchten Fahrrädern ausgerüstet – Fahrunterricht inklusive. An dem Projekt des Diakonischen Werks, das ursprünglich aus einer Schüleridee in der Fachschule für Sozialpädagogik Niebüll entstand, sind heute unter anderem die Arbeiterwohlfahrt, die Stadt Niebüll und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) beteiligt.

„Es gibt durchaus junge Menschen, die das Radfahren in ihrer Heimat nicht richtig gelernt haben – wir geben dann gerne Nachhilfe“, sagt Sven Bohl. Neben dem Niebüller engagieren sich bisher noch drei weitere ehrenamtliche Helfer für das Mobilitätsprojekt. Jeden Dienstag reparieren auch Uwe Kosa, Ulrich Laase und Dieter Hoetter zusammen mit Flüchtlingen alte Fahrräder, die die Asylsuchenden anschließend für 15 Euro erwerben können. Gebastelt wird von 16 bis 18 Uhr in Räumen des Diakonischen Werkes in der Uhlebüller Straße, Ecke Kleinkoogsweg. Schon jetzt wirken die ehemaligen Verkaufsräume mit der gut einsehbaren Fensterfront wie eine echte Werkstatt: Schraubenschlüssel in allen Größen liegen bereit, es riecht nach Kettenöl, und nahezu jeder Mensch im Raum hat schwarze, ölverschmierte Hände. „50 Fahrräder wurden von der Stadt Niebüll gespendet, diese weisen leichte bis erhebliche Schäden auf. Wir versuchen diese mit Materialien von anderen Fahrrädern zu ersetzen“, erklärt Uwe Kosa als Helfer und stellvertretender Vorsitzender des ADFC Schleswig-Holstein. Ist das Rad schließlich von seinen Mängeln befreit und verkehrstüchtig, bekommt es einen Aufkleber mit einer registrierten Nummer. Ein Blick auf die Nummernsammlung bestätigt, dass das Projekt schon jetzt ein Erfolg ist. „Bisher sind etwa 20 Fahrräder an Asylsuchende abgegeben worden“, rechnet Harald Thomsen vom Diakonischen Werk vor. Seit Ende September koordiniert auch er das Werkstattprogramm. An Interessenten mangele es nicht, bestätigt auch Hilke Lehmann vom Awo-Flüchtlingsdienst: „Die Projektwerkstatt hat sich zu einem echten Treffpunkt entwickelt. Hier wird wichtige Integrationsarbeit geleistet.“ Sprachbarrieren kennen die Helfer keine: „Man lernt beim Zuschauen und versteht sich intuitiv“, sagt Helfer Dieter Hoetter. „Und notfalls funktioniert es mit Händen und Füßen.“ Damit das Projekt auch weiterhin erfolgreich sein kann, werben die Beteiligten um weitere Mitstreiter in der lebhaften, gemeinnützigen Werkstatt. Interessierte können sich telefonisch unter 04661/610644 beim Flüchtlingsdienst informieren. Auch gebrauchte Fahrräder werden als Spende gebraucht.  


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