Westre : Gemeindewege werden versteigert

So sieht Geschichte aus: das Original-Protokollbuch aus dem Jahre 1732.  Foto: ji
So sieht Geschichte aus: das Original-Protokollbuch aus dem Jahre 1732. Foto: ji

Essen und Trinken umsonst - die Kommune zahlt die Zeche. Das Rosenmontagsfest geht auf eine alte Tradition zurück

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09. Februar 2013, 09:32 Uhr

Westre | Ein Narrenfest am Rosenmontag - ganz ohne "Helau!" und "Alaf" - und doch mit "Action" und Spaß. Wo gibt es denn das? Die Antwort: in Westre. Hier wird auf Pump gefeiert, und das hat einen historischen Hintergrund. "Dorfsrechnung" heißt das berühmte und in seiner Art einmalige Fest. Gefeiert wird am 11. Februar, 20 Uhr, im Waldkrug.

Die gastgebende Kommune stellt Musik, Heißewecken, Kaffee, Bowle und sonstige Getränke. Die Teilnehmer können ihre Geldbörsen stecken lassen, denn sie müssen weder für den Eintritt noch für den Verzehr zahlen. Dass am Ende dennoch die Kosten beglichen werden können, dafür sorgt - sobald alle Feiernden satt und schon ein wenig in Stimmung gekommen sind - ein "Auktionator" aus dem eigenen Dorf in Person von Bahne Petersen. Seine Aufgabe wird es sein, sämtliche 39 in der Gemeinde und Gemarkung Westre befindlichen Wege für die Dauer eines Jahres zu "versteigern". Natürlich erwirbt derjenige, der bei der Auktion den Zuschlag für einen Weg erhält, nicht dessen Eigentum, sondern nur das Recht, dessen Rabatten nach Belieben zu nutzen. Wer mag, darf das dort wachsende Gras mähen, an seine Ziegen - sofern vorhanden - verfüttern oder anderweitig verwerten. Die Gebotssumme wird nach dem Hammerschlag des Auktionators stets sofort in bar kassiert und der Gemeinschaftskasse zugeführt. Aus ihr werden am Ende des Abends alle angefallenen Kosten bezahlt.

Je geschickter der Versteigerer also vorgeht, desto länger kann die Festgemeinschaft ihrem Vergnügen nachgehen. Deshalb pflegt der Auktionator bei der Erledigung seines Auftrages stets alle Register zu ziehen, indem er beispielsweise die "landschaftlich schöne Lage" des Weges preist, dessen "liebespaartaugliche Einsamkeit" hervorhebt oder eine "reichliche Heuernte" prophezeit. Sollte zum Zeitpunkt des Kassensturzes die Gesamteinnahme für eine Fortsetzung der Feier nicht ausreichen, entscheidet die Festgesellschaft selbst, ob sie weiterfeiern und dafür pro Person einen Pauschalbetrag zahlen möchte, der dann gemeinschaftlich festgesetzt wird.

Die Gaudi hat einen seriösen historischen Hintergrund. Denn früher, zur Zeit vor der Verkoppelung der Ländereien kamen einmal jährlich alle freien, stimmberechtigten Bauern bei der "Dorfsrechnung" zusammen, um alle für die Dorfgemeinschaft wichtigen Angelegenheiten gemeinschaftlich zu regeln. Der Schulmeister, der als "armer Schlucker" Empfänger von Leistungen (beispielsweise Torfdeputat, Dienstwohnung mit Stallungen) in finanzieller Hinsicht nichts zu sagen hatte, wurde dennoch gerne als Protokollführer herangezogen. Der Grund: Man wusste seine Schreib- und Rechenkünste zu schätzen und würdigte ihn zumeist auch als Vertrauensperson.

Bürgermeister Peter Hansen wird zur Dorfsrechnung am Rosenmontag wieder das noch erhaltene Original-Protokollbuch mitbringen. Hierin wurden seit 1732 alle Versteigerungserlöse (Wegepachten) eingetragen.

Wenngleich bei der Dorfsrechnung in früherer Zeit und ihrer ursprünglichen Form Frauen keine Lippe riskieren durften - sie waren schlichtweg ausgeschlossen - , so hat sich da mittlerweile vieles verändert. Die alte, strenge Regelung gilt nämlich für die Rosenmontags-Gaudi nicht mehr.

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