zur Navigation springen

Südtondern historisch : Gehorsam als wichtiges Lernziel

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Geschichtswerkstatt: Hans Carstensen erinnert sich an seine Schulzeit

Seit knapp zwei Jahren gibt es im Rahmen der Kulturstation Zollhäuser die Geschichtswerkstatt. In diesen monatlichen öffentlichen Treffen wird die jüngere deutsche Geschichte behandelt. Unter dem Thema „Lehrerbildung im NS-Staat – Erinnerungen eines Betroffenen“ referierte der in Nordhackstedt geborene Realschulkonrektor a. D. Hans Carstensen (Jahrgang 1928) aus Neukirchen.

Von 1788 bis 1925 wurden die Volksschullehrer der hiesigen Region in dreijährigen Seminaren in Tondern ausgebildet. Das Tonderner Seminar war dann nach Abtretung Nordschleswigs nach Niebüll umgezogen, dem heutigen Standort der FPS. 1933 wurden die Pädagogischen Akademien im Sinne der NSDAP in „Hochschulen für Lehrerbildung“ umbenannt. Ab 1941 entstanden in Schleswig-Holstein mehrere Lehrerbildungsanstalten (LBA) als Internate, wo auch am 20. April 1942 der erst 14-jährige Hans Carstensen nach einem „Musterungslager“ seine Schulausbildung zur Vorbereitung auf den Lehrerberuf in Ratzeburg begann, obwohl sein Berufswunsch eigentlich Förster war.

Im Internat gab es eine Gemeinschaftserziehung bei knapper Verpflegung, die die Zöglinge immer in Uniform militärisch geprägt rund um die Uhr erfasste. Die ebenfalls uniformierten Lehrer hießen Zugführer und waren zu duzen, was dem Respekt aber keinerlei Abbruch tat, denn es herrschte das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Es wurde sehr viel marschiert und dabei gesungen, meist mit politischen oder militärischen Texten. Zu Beginn gab es vier Klassen, die Züge genannt wurden, von je 30 Mann. Im Unterricht spielten Germanen- und Heldentum eine große Rolle aber Fremdsprache blieb kurioserweise Englisch. Hatte jemand gegen die Ordnung verstoßen, gab es Kollektivstrafen für die ganze Klasse.

Im Sport, einem wichtigen Ausbildungsfach, gab es sechs Einzelzensuren. Die Klassenarbeiten wurden ohne Aufsicht geschrieben, denn es verstand sich als Ehrensache, nicht zu mogeln oder abzuschreiben. Nach einem Jahr musste Hans Carstensen mit drei weiteren Zöglingen wegen Reduzierung der Schülerzahlen an die LBA nach Lunden wechseln. „Das war für uns fast eine Erholung“, meinte der Referent wegen der Härte in Ratzeburg. Denn trotz gleicher Anstalten und Erziehungsziele hing der Stil weitgehend vom Leiter ab. Später wechselte er an die LBA nach Burg. Dort wurde sehr Wert gelegt auf das Singen der einschlägigen Lieder. Zumal führende Nationalsozialisten schon früh erkannt hatten, dass Gesang nicht nur zur Festigung der Gemeinschaft dienen konnte, sondern auch sehr gut zur Indoktrination geeignet war. Auf Nachfrage aus dem Auditorium, wie die Stimmung unter den Schülern war, antwortete der Referent: „Die meisten haben buchstäblich an das geglaubt, was man uns beigebracht hat!“ In den Kriegs-Wirren musste Hans Carstensen Ende 1944 noch zum sogenannten Reichsarbeitsdienst. Nach Kriegsende herrschte großer Lehrermangel, denn sehr viele Lehrer waren noch in Kriegsgefangenschaft oder Mitglied der NSDAP gewesen und ihres Amtes enthoben worden. Die britische Besatzungsmacht war der Meinung, dass ehemalige LBA-Schüler, trotz nationalsozialistischer Vorbelastung, zu demokratischen Lehrern ausgebildet werden könnten. Und so erhielt auch Hans Carstensen die Chance und wurde von 1946 bis 1949 in Burg ausgebildet. Er trat anschließend in den Schuldienst ein. Dieser dauerte dann 43 Jahre, davon die letzten 39 Jahre in Neukirchen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen