Friesisch-Historische-Treyben : Geheimnisvoll und abenteuerlich

Drei Tage lang verwandeln Gaukler, Musiker, Händler und Kämpfer das Niebüller Wehlengebiet in eine frühmittelalterliche Welt

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19. Juni 2014, 05:15 Uhr

Mittwochabend 18 Uhr an der Badewehle: In dem hauptsächlich an warmen Tagen stark bevölkerten Naturerholungsgebiet herrscht Hochbetrieb. Überall wird gewerkelt, abgesteckt und aufgebaut. Freitag beginnt hier das 4. Friesisch-Historische Treyben. „Etwa 250 mittelalterlich gekleidete Menschen werden dieses Mal dabei sein“, erklärt Stefan Nissen. Er ist Vorsitzender des Vereins Frisia Historica, Ausrichter des Spektakels mit Gauklern und Musikern, Marktbeschickern und Kämpfern, Mitgliedern befreundeter friesischer Heerlager und Wikingergruppen. „Sie reisen heute Mittag aus ganz Schleswig-Holstein, wie Barmstedt oder Neumünster, sowie dem nördlichen Niedersachsen an.“

Das Friesisch-Historische-Treyben hat mittlerweile einen guten Ruf in der Szene. „Viele melden sich bereits beim aktuellen Treffen für das nächste Jahr an. Es gibt schon eine Warteliste, wir müssen also eher mal absagen, als dass wir uns Teilnehmer suchen.“ So sind die Organisatoren gewappnet, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. In diesem Jahr beispielsweise musste ein großes Lager kurzfristig wegen eines Todesfalles seine Teilnahme zurückziehen.

Mit dabei ist dieses Mal die neu formierte Friesische Nationalmannschaft im gerüsteten Vollkontakt-Schwertkampf. Eine zehn Mann starke Truppe hat in der vergangenen Woche an der kroatischen Adriaküste in Trogir an der offiziellen Weltmeisterschaft „Battle of the nations“ teilgenommen. „Da ihnen ein Mann fehlte und wir angesprochen wurden, mussten wir schnell reagieren. Aus unseren Reihen ist Benjamin Lönnig eingesprungen und mitgefahren.“ Teilnehmer aus 28 Nationen, darunter Russland und die Ukraine, waren dabei. „Eine zweite Gruppe aus Deutschland – das hat für viel Aufsehen gesorgt“, sagt Stefan Nissen. Der Anfang war nicht unproblematisch. Und doch: Mit vielen Erlebnissen kehrte Lönnig zurück. Und: „Es sind viele neue Kontakte entstanden.“

Eine Menge Vorarbeiten sind für das Friesisch-Historische Treyben nötig, bis es dann soweit ist. Die beginnen bereits ein Jahr vor dem Spektakel: Terminabsprachen, Genehmigungen müssen eingeholt werden. Und so ganz ohne Technik und hygienische Mindestanforderungen geht es nicht. „Die WCs müssen rechtzeitig geordert werden, und auch ein abschließbarer Kühlwagen ist wichtig. Im ersten Jahr haben wir nachts jemanden abstellen müssen, der auf den Bierfässern geschlafen hat und sie bewachen musste“, lacht Stefan Nissen.

„Zwischen Mai und September sind wir jeden Monat unterwegs, nehmen an Mittelalterlichen Treffen und Veranstaltungen teil.“ Darunter ist auch das Burgspektakel in Bad Bodenteich (Lünebürger Heide). Eines der bekanntesten und beliebtesten ist Tota Frisia, ein Mittelalterfest in Südbrookmerland/Ostfriesland. Mit viel Aufwand – unlängst sogar mit zwei Wikinger-Schiffen, wird am „großen Meer“, der eigentlich nur ein großer See ist, die Friesen-Wikinger-Schlacht von 983 nachgestellt. „Bevor es losgeht haben die Kinder natürlich die Möglichkeit, zu baden“, berichtet Stefan Nissen. „Unser Hobby ist mittlerweile eine richtige Familienangelegenheit geworden.“ Dabei sind die Reisenden von Frisia Historica sowohl Zuschauer als auch Akteure. „Leben und erleben“ lautet das Motto. Wie wertvoll diese Erfahrungen sind, hat der Häuptling Stefan Nissen, von Beruf Sozialpädagoge, während seiner langjährigen Arbeit mit Kindern erlebt: „Es hat ihnen gut getan – der Zusammenhalt, zu erleben, dass man gemeinsam etwas schaffen kann, dass jeder seine Stärken hat, den Kindern Selbstvertrauen und Bestätigung zu geben.“

Frisia Historica orientiert sich seit der Gründung stark an die historischen Gegebenheiten zwischen 800 und 1000 n. Chr., erhielt von Anfang an wertvolle Unterstützung durch Gary Funk und der Friisk Foriining. Die frühmittelalterliche Kleidung der 30 Aktiven (20 Passive ergänzen die Gruppe) ist zum größten Teil selbst gefertigt. „Bei Männern sind knielange Tunikas, bei Frauen Kleider mit Schürzen üblich.“ Neueinsteiger, die rasch mitmachen möchten, kaufen sich schon mal das eine oder andere Kleidungsstück. „Aber wir haben sehr gute und findige Schneiderinnen unter unseren Mitgliedern. Mit der Zeit steigen alle auf selbstgemachte Klamotten um.“

Das Wehlengebiet mit seinen Bademöglichkeiten und dem Schutz durch die Bäume gibt einmal mehr eine ideale Kulisse für das Ereignis. „Wenn das Wochenende herum ist, fängt alles wieder von vorne an“, erklärt Stefan Nissen. Nicht so ganz, denn der Aufwand ist für 2015 etwas größer. Schließlich ist es das 5. Treyben an der Wehle. Und 2016 steht dann das zehnjährige Vereinsbestehen an. „Da wollen wir es krachen lassen, noch einiges mehr auf die Beine stellen, und wir haben da auch schon Ideen.“ Bis dahin wird geplant – und geträumt.

Die monatlichen Treffen der Vereinsmitglieder finden jeweils am ersten Freitag des Monats um 20 Uhr auf dem Hof Nordlicht in der Klinkerstr. 4, im Hunnebüller Koog zwischen Risum und Stedesand (2. Hof rechts nach dem Stedesander Knopp oder aus Risum kommend, 1. Hof links nach der Mörderbrücke) gelegen, statt.

4. Friesisch-Historisches Treyben:  Hier ist der Programm-Plan

Freitag, 20. Juni:

17 Uhr: Heerlagerbesprechung (Wehlenkiosk),

18 Uhr: Feierliche Eröffnung (Wehlenkiosk);

18.30 Uhr: Führung über die Wehlenwiesen;

19.30  bis 20.15 Uhr: Wortsatia (Wehlenkiosk);

21 bis 21.30 Uhr: Eckhard & Tim (Wehlenkiosk);

22 bis 22.45 Uhr: Wortsatia;

23 Uhr:  Feuergaukler-Ensemble Drachenrachen (Badewiese);

24 Uhr: Veranstaltungsende.

Sonnabend, 21. Juni:

10 Uhr: Markteröffnung und Umzug zum Marktplatz Niebülls (Start am Wehlenkiosk);

11 Uhr: (inoffizielle) Gibsel–WM unter Federführung des Friisk Foriining (am Sportplatz Jugendherberge);

11.30 Uhr: Schwertschaukampf, präsentiert von der Schule für mittelalterlichen Schwertschaukampf (Kampfplatz/Marktwiese); 

12 bis 12.30 Uhr: Eckhard & Tim (Wehlenkiosk);

12.30 Uhr: Gerüsteter Vollkontakt-Schwertkampf, präsentiert von der Friesischen Nationalmannschaft (Kampfplatz/Marktwiese);

13.30 Uhr: Ritterliche Knappenschule,  präsentiert von Viatores ad Arma (Kampfplatz/Marktwiese);

14 bis 14.45: Wortsatia (Wehlenkiosk);

15 Uhr: Historische Gewandschau, präsentiert von der Gewandschneiderin Nostramoda (am Wehlenkiosk);

16 bis 16.30 Uhr: Eckhard & Tim (Wehlenkiosk);

16 Uhr: Gerüsteter Vollkontakt-Schwertkampf (Kampfplatz/Marktwiese);

17 Uhr: Ritterliche Knappenschule (Kampfplatz/Marktwiese);

17.30 bis 18.15 Uhr: Wortsatia (Wehlenkiosk);

18 Uhr: Schwertschaukampf  (Kampfplatz/Marktwiese);

18.30 Uhr: Siegerehrung Gibseln (Wehlenkiosk);

19.30 bis 20.15 Uhr: Eckhard & Tim (Wehlenkiosk);

21.30 bis 22.30 Uhr: Wortsatia (Wehlenkiosk);

23 Uhr: Drachenrachen (an der Wehle);

24 Uhr: Veranstaltungsende;

Sonntag, 22. Juni:

10 Uhr: Markteröffnung;

11 bis 11.45 Uhr: Wortsatia (Wehlenkiosk);

11.30 Uhr: Schwertschaukampf (Kampfplatz/Marktwiese)         ;

12.30 Uhr:  Ritterliche Knappenschule (Kampfplatz/Marktwiese);

13 bis 13.30 Uhr: Eckhard & Tim (Wehlenkiosk);

13.30 Uhr: Gerüsteter Vollkontakt-Schwertkampf (Kampfplatz/Marktwiese)

14 Uhr: Schwertschaukampf (Kampfplatz/Marktwiese)        ;

14.30 bis 15 Uhr:   Eckhard & Tim  (Wehlenkiosk);

15 Uhr: Ritterliche Knappenschule (Kampfplatz/Marktwiese);

16  bis 16.45 Uhr: Wortsatia (Wehlenkiosk);

17 Uhr: Veranstaltungsende

 Sonnabend und Sonntag werden Dan der Barde, Jenny Lautenklang sowie „Frater Enoch, der zaubernde Lotterpfaffe“ die Besucher  erfreuen. Dabei ist ebenfalls  die  Eiderstedter Tanzformation „Mahbanu“  mit mittelalterlich-orientalischen Tänzen.

Geöffnet ist der Markt von Freitag, 20. Juni,  18 bis 24 Uhr, am Sonnabend, 21. Juni, von 10 bis 24 Uhr und am Sonntag, 22. Juni, von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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