Für Wildschweine ist es das Schlaraffenland

Eine Bache. Foto: hn
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Eine Bache. Foto: hn

Die Schwarzkittel erobern das Katinger Watt, wo sie zur Gefahr für Agrar- und Naturschutzflächen sowie für die Vogelwelt werden könnten

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26. Mai 2012, 07:22 Uhr

Katinger Watt | Ein Keiler sorgte im November für Gesprächsstoff auf Eiderstedt und ließ die Jäger aufhorchen: In der Nähe von St. Peter-Ording war ein Wildschwein in das Gleisbett geraten und von der Regionalbahn erfasst worden. Dass das Tier kein Einzelgänger war, zeigte sich in den zurückliegenden Monaten immer wieder und vor wenigen Tagen erneut: Ein Landwirt beobachtete drei Schwarzkittel im Katinger Watt.

Für Hans-Hermann Hein war es nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Wildschweine Eiderstedter Grund betreten würden. Der für das Katinger Watt zuständige Forstmann der Försterei Drelsdorf beobachtet die Entwicklung im benachbarten Dithmarschen schon seit Langem mit Sorge: Dort richteten Wildschweine massive Schäden an und vermehrten sich rasant. "Die Jäger schaffen es nicht, den Bestand zu reduzieren", sagt Hein, dem in jüngster Zeit wiederholt Sichtungen von Wildschweinen im Katinger Watt gemeldet worden sind. Sie müssen über die Eider gekommen sein, vermutet der Förster. "Schweine können schwimmen. Kein Problem. Und an manchen Stellen ist der Fluss nicht sehr breit."

Jäger Reinhard Schill geht jedoch davon aus, dass die Tiere ganz gemütlich durch den Tunnel des Eidersperrwerks oder darüber hinweg getrottet sind. Im Bereich des Teerdeichs ist im Herbst 2011 auch das erste Wildschwein gesichtet worden. "Die Tiere sind ja sehr scheu und meistens auch nur nachts unterwegs", erklärt Schill.

Dass die Tiere mittlerweile bis nach Nordfriesland vorgedrungen sind, beweisen zahlreiche Spuren: An verschiedenen Stellen des ehemaligen Wattbodens haben die Schweine bei der Suche nach Nahrung riesige Bereiche umgegraben. Mit ihren Nasen haben sie die Erdoberfläche aufgewühlt, um an Wurzeln, Käfer und Würmer zu gelangen. Wildschweine sind Allesfresser und machen auch vor Gräsern, Früchten der Waldbäume, Getreide, Aas, Kleinsäugern und Gelegen von Bodenbrütern nicht Halt.

In Mitleidenschaft gezogen worden sind auch große Grünlandflächen mit geschützten Orchideen, die von den Schwarzkitteln heimgesucht wurden. Was für Förster Hein kein Problem darstellt, "weil die Pflanzen ja nachwachsen können", ist für Holger A. Bruns nicht unerheblich. Der Biologe des Naturschutzbundes (Nabu) sieht durch den Einzug der Wildschweine den geschützten Pflanzenbestand bedroht. Die Wiesen könnten wegen der umbrochenen Oberfläche nicht gemäht werden, beklagt Bruns. Ohne regelmäßige Mahd würden die Orchideen verschwinden.

Aber nicht nur den Flurschaden sehen der Förster und der Biologe als Problem. Die hohe Zahl der Bodenbrüter sorgt für einen reich gedeckten Tisch - die Wildschweine nehmen die Gelege auseinander und fressen die Eier auf. "Die richten riesige Schäden an", so Hein.

Der Wald an der Eidermündung und die landwirtschaftlichen Felder sind ein günstiger Lebensraum. "Wenn ich Wildschwein wäre, würde ich auch ins Katinger Watt gehen", meint Hein. Schutz, Ruhe, Nahrung und Wasser - was will ein Schwein mehr? Deshalb ist der Förster davon überzeugt, dass der Schwarzwildbestand auf der Halbinsel "explodieren" wird; zumal die Schweine keinen natürlichen Feind haben.

Noch ist nicht bekannt, ob es sich bei den vor Kurzem gesichteten Wildschweinen um weibliche oder männliche Exemplare handelt. Förster Hein geht jedenfalls von Jungtieren auf der Suche nach neuen Lebensräumen aus. "Da baut sich eine neue Mannschaft auf."

Dass Wildschweine in Wäldern vorkommen, ist an sich normal, sagt Biologe Bruns. "Das Problem ist, dass dieser Wald eigentlich nicht hierher gehört." Durch die Nähe zur Nordsee und die reiche Vogelwelt hätten die Schwarzkittel ein ungewöhnlich großes Nahrungsangebot. Da auf den benachbarten Flächen zudem noch Ackerbau betrieben wird, ist der Forst im Katinger Watt für die Wildschweine ein Landstrich der unbegrenzten Möglichkeiten.

Derzeit werden Kartoffeln und Mais in die benachbarten Felder eingebracht. "Die Landwirtschaft deckt den Tisch", sagt Jäger Reinhard Schill, der über einen Berechtigungsschein der Landesforsten für den Wald an der Eider verfügt. "Jagdlich gesehen ist Schwarzwild im Revier natürlich interessant", meint der Tönninger, der allerdings in seinem Revier zwar Spuren, aber noch kein Wildschwein gesehen hat. Probleme werden die Katinger Jäger bekommen, vermutet er. Sobald sich die Tiere in den Maisfeldern aufhalten würden, seien sie schwer zu bejagen. So sieht Reinhard Schill denn auch nicht das Wildschwein als eigentliches Übel an. Die Schwarzkittel - und mit ihnen der rasante Anstieg von Füchsen - seien nur eine Folge, der sich stark verändernden Landschaft. Schill: "Niedrige Wasserstände und starker Schilfbewuchs in den Gräben auf Eiderstedt sowie die erhebliche Nutzung durch die Landwirtschaft, sind das Problem."

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