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Nordfriesland Tageblatt

21. August 2017 | 12:48 Uhr

Für sie hat ein neues Leben begonnen

vom

Afghanische Mutter verliert auf der Flucht ihre Kinder aus den Augen / Sie lebt jetzt dank der Hilfe deutscher Behörden mit ihren Kindern in Nordfriesland

Nordfriesland | Von Weitem könnte man denken, es handelt sich um eine einheimische Familie. Die Kleidung wirkt modern, und die drei Kinder aus Afghanistan fahren lachend auf ihren Rollern über den Parkplatz. Was man auf den ersten Blick nicht erkennt, ist, dass ihre Mutter Roja Azizi (26) einen langen Leidensweg hinter sich hat. 16 Monate lang musste sie um ihre Familie zittern, jetzt sind alle endlich wieder in Husum vereint. Ihre Geschichte beginnt aber weit weg von dem Parkplatz der psychiatrischen Tagesklinik in Husum. Und zwar in Mazar-i-Sharif.

In der Hauptstadt der afghanischen Provinz Balch wuchs die 26-jährige Roja Azizi ohne Geschwister auf. "Meine Mutter starb, als ich sieben Jahre alt war." Ihr Vater verheiratete sie im Alter von 13 Jahren mit einem 15 Jahre älteren Mann. Zwölf Monate später verstarb der Vater - und damit ihr letzter direkter Familienangehöriger. Als der Ehemann sie verließ, war sie gerade 18 und dreifache Mutter. "Er sagte, dass er nach Kabul gehen wolle, um Arbeit zu finden." Von diesem Tag an hörte sie nichts mehr von ihm.

"Ich war Besitz seiner Familie", erzählt sie. Schwager und Schwiegermutter hätten sie wie eine Sklavin behandelt. Alle Aufgaben im Haus und auf dem Feld musste sie erledigen. "Ich habe in dieser Zeit viel leiden müssen. Wäre ich nicht geflohen, hätten sie mich irgendwann getötet."

Eine Bekannte stellte den Kontakt zu einem Schleuser her. Über den Iran und die Türkei gelangte die Frau nach Griechenland. Als sie eines Morgens in Saloniki auf der Ladefläche eines Vans erwachte, waren ihre Kinder verschwunden. Die 26-Jährige musste eine schwere Entscheidung treffen, denn warten würde ihr Schleuser nicht. So traf Roja Azizi im Februar 2012 in Hamburg ein. Ohne Geld, ohne die Sprache zu sprechen und ohne ihre Kinder.

"Die Trennung von meinen Kindern war das Schlimmste in meinem Leben", sagt sie. Ihre erste Anlaufstelle war die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Neumünster. "In dieser Zeit hatte ich Angst - ich war nicht sicher, was passieren würde", sagt die geflüchtete Afghanin. Mehrmals versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Klinikaufenthalte gaben ihr aber wieder Hoffnung - auch wegen einer besonderen Begegnung.

Es war Fovzih Argandivar, die ebenfalls als junge Frau aus Afghanistan nach Deutschland gekommen war. "Sie hat mich davon abgehalten, etwas Dummes zu tun." Argandivar und ihr Ehemann Maydin hatten per Zufall von dem Schicksal der 26-Jährigen erfahren. Fovzih besuchte sie fortan regelmäßig am Krankenbett. "Sie hat mich wie eine Mutter behandelt. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar."

Für alles, was danach kam, ist Roja Azizi genauso dankbar. Die Fachkliniken in Nordfriesland haben für sie Mohsen Madani gefunden, der seitdem als ihr Dolmetscher fungiert. Auch die Migrationssozialberatung des Kreises Nordfriesland unter der Leitung von Peter Martensen steht der jungen Afghanin zur Seite. "Vor allem die Wohnungssuche wurde mir so erleichtert", freut sich die Mutter. Denn inzwischen leben ihre Kinder wieder bei ihr. Ein Kinderheim in Saloniki hatte Sajjad (11), Fatima (9) und Sharifa (7) untergebracht. "Der erste Anruf über Skype hat ihr wirklich sehr gut getan", sagt Dr. Jochen Schwarz, leitender Arzt in der Husumer Tagesklinik für Psychiatrie der Fachkliniken Nordfriesland.

Die Kinder nach Deutschland zu bekommen, war leichter gesagt als getan. Denn afghanische Heiratsurkunden führen meist nur den Mann auf. Die deutschen Behörden leisteten jedoch erfolgreich ein wenig Überzeugungsarbeit in Griechenland. Es gab dann aber noch immer ein Problem: Der deutsche Staat konnte zwar helfen, die Kinder zu finden, aber nicht deren Flüge nach Hamburg bezahlen. "Eine Dame von Nordstrand, wo ich auch ein paar Monate gewohnt hatte, hat mir dann aber das Geld ausgelegt", erzählt die junge Afghanin. Ohne ihre Hilfe wüsste die Asylbewerberin wohl immer noch nicht, wie sie ihre Kleinen nach Deutschland hätte holen können. Schließlich hat sie keine Möglichkeit, selbst Geld zu verdienen.

Sobald das geht, will Roja Azizi als Friseurin arbeiten. Das habe sie zeitweise auch in Afghanistan getan. Auch wenn es bis dahin noch etwas dauert, schaut die junge Mutter positiv in die Zukunft. "Bisher habe ich nicht viele schöne Tage erlebt. Jetzt ist das Leben erfrischend", übersetzt Madani. Er wird ihr weiter zur Seite stehen.

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erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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