Holocaust-Gedenken : „Frieden ist nicht selbstverständlich“

Kuratorin Dr. Angelika Königseder.
Kuratorin Dr. Angelika Königseder.

Holocaust-Gedenktag: Mit einer Kranzniederlegung und einem Vortrag über „Displaced Persons“ wird in Ladelund der NS-Opfer gedacht

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29. Januar 2015, 05:00 Uhr

Am 27. Januar, dem Tag, am dem sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 70. Mal jährte, gedachte auch die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund einmal mehr der Opfer des Nationalsozialismus. Die Zeremonie begann mit einer Kranzniederlegung an den Gräbern der 301 Toten, die 1944 innerhalb von nur sechs Wochen im Außenlager Ladelund des Konzentrationslagers Neuengamme ums Leben kamen und von Pastor Johannes Meyer beerdigt wurden. Die größte Gruppe der Toten stammt aus den Niederlanden, allein 111 aus der Stadt Putten. Viele Nachfahren dieser Kleinstadt sind heute mit Einwohnern Ladelunds – aufgrund ihrer intensiven Bemühungen um „Versöhnung über den Gräbern“ – freundschaftlich verbunden. Die mit 37 Toten zweitstärkste Gruppe der Beerdigten stammt aus Italien. Ihnen zu Ehren verlas Jens Kahl, Mitglied des Freundeskreises der Gedenkstätte, eine ergreifende Grußbotschaft der Direktorin des italienischen Kulturinstituts Hamburg, Cristina Di Giorgio. Diese sprach die Toten – zunächst in italienischer, dann in deutscher Sprache – direkt an: „Ihr, die ihr hier liegt, seid für uns eine Verpflichtung, auf den Bestand und das Leben Europas einzuwirken, damit Frieden und Herzlichkeit, Menschenwürde und Brüderlichkeit, aber auch ein kleines fröhliches Lachen sich entfalten und wachsen mit dem Sinn auf die ganze Erde. Wir verneigen uns vor Euch.“)

Bürgermeister Rüdiger Brümmer und Pastor Hans-Joachim Stuck erfüllten eine Bitte des Glücksburger Künstlers Uwe Appold, der aus Erde der Friedhöfe in Putten und Ladelund einen Zyklus von zwölf Bildern zum Psalm 84 geschaffen hatte (wir berichteten). Die übrig gebliebene Erde aus Putten verstreuten sie nunmehr vor der Tafel mit den Namen der Opfer aus Putten aus.

Im Dokumentenhaus ging dann Gedenkstättenleiter Raimo Alsen auf die verflossenen 70 Jahre ein, in denen die Todesopfer vermutlich noch hätten leben können, sieben Jahrzehnte, in denen die Überlebenden aufgrund ihrer schrecklichen Erfahrungen mit einem Trauma umgehen mussten. Andererseits gelte es zu würdigen, dass der Zweite Weltkrieg vor 70 Jahren endete und seitdem auf deutschem Boden kein Krieg mehr stattfand. Also dürfe man auch den Frieden und die Demokratie feiern. Beide Werte seien nicht selbstverständlich, sondern man müsse für sie ständig aktiv einsetzen.

Jens Kahl vertiefte noch einmal seine auf dem Friedhof verlesene Botschaft, bevor die neue Kuratorin der Ladelunder Dauerausstellung, Dr. Angelika Königseder aus Berlin, einen sehr ausführlichen, durch Lichtbilder illustrierten Vortrag zu dem Thema hielt, mit dem sie 1996 promovierte: „Lebensmut im Wartesaal – Die jüdischen `Displaced Persons' im Nachkriegsdeutschland.“

Als die alliierten Armeen im Frühjahr 1945 Deutschland besetzten, fanden sie auf dem Gebiet der späteren westlichen Besatzungszonen insgesamt rund sieben Millionen heimatlose Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und befreite Häftlinge der ehemaligen Konzentrationslager vor, unter ihnen auch 50  000 bis 75  000 jüdische Überlebende der nationalsozialistischen Herrschaft. Soweit sie in westeuropäischen Ländern beheimatet waren und ihr Gesundheitszustand es zuließ, konnten viele von ihnen zügig repatriiert werden. Dagegen gestaltete sich die Situation der Juden osteuropäischer Herkunft aufgrund politischer Veränderungen in ihren Herkunftsländern zumeist äußerst schwierig. In Deutschland und Österreich hatten die westlichen Besatzungsmächte – vor allem die USA – Unterbringungsmöglichkeiten für heimatlose „Displaced Persons“ geschaffen, sogenannte DP-Camps. Diese bestanden aus ehemaligen Kasernen, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeitslagern, zum Teil auch aus Industriearbeitersiedlungen, Zeltkolonien, Hotels, Sanatorien oder Schulen. 1946 verschärfte sich die Situation in den Camps dadurch, dass Juden aus Osteuropa nach Deutschland zurückkehrten, weil ihnen zu Hause keine Möglichkeit geboten wurde, kulturell und wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Innerhalb der Camps lebten dessen Bewohner, von Amerikanern bewacht, weitestgehend eigenständig und voller Hoffnung auf ein baldiges Ende des Lagerlebens und eine zügig anberaumte Ausreise aus Deutschland. Tatsächlich aber konnte erst 1957 das letzte Lager (Föhrenwald bei München) geschlossen werden, nachdem auch die letzten Bewohner ein neues Zuhause gefunden hatten. Bis dahin stellten sich viele Camps wie „Staaten im Staate“ dar: mit eigener Verwaltung, eigenem Gesundheitswesen, sogar einer eigenen Gerichtsbarkeit. Die Camps verfügten über eine eigene Polizei, ein selbstbestimmtes Schulwesen und eigene Zeitungen. Auch der Sport kam nicht zu kurz, wurden doch Fußball-Ligen gegründet und sogar eine Schach-Olympiade organisiert. Als besonderes Problem erwies sich der florierende Schwarzmarkt – für viele die einzige Möglichkeit, an dringend benötigte Artikel des alltäglichen Lebens heranzukommen. Mit einer lebhaften Aussprache über das Referat endete das umfangreiche Programm des besonderen Gedenktages.

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