Werke aus Privatsammlung : Franzosen bringen Farbe ins Spiel

Begrüßten zahlreiche Gäste: Ronald Steiner (links) und Dr. Manfred Reuther.
Begrüßten zahlreiche Gäste: Ronald Steiner (links) und Dr. Manfred Reuther.

Eine Ausstellung in der Niebüller Stadtbücherei trägt den Arbeitstitel „Picasso & Co“.

shz.de von
11. September 2018, 16:21 Uhr

Viele Niebüller Kunstfreunde strömten in die Stadtbücherei: Die Vernissage der Ausstellung „Kunst aus Frankreich“ aus der Sammlung Reuther lockte zahlreiche Interessierte, so dass die Stühle knapp wurden. Büchereileiter Ronald Steiner begrüßte mit Ingo Böhm auch den neuen Südtonderaner Amtsvorsteher. Ingo Böhm ergriff sofort das Wort, wünschte der Ausstellung viel Erfolg und bekannte, dass er noch nie bei einer Vernissage erschienen sei. „Das ändert sich jetzt“, sagte er verschmitzt und versicherte, dass die Kunst bei ihm einen neuen Stellenwert erhalten werde.

Professor Dr. Manfred Reuther, Kurator der Ausstellung, holte in seiner mit vielen Anekdoten gewürzte Rede weit aus. Der Arbeitstitel „Picasso & Co“ sei ungenau, es handele sich um „Kunst aus Frankreich“. Das Besondere dieser Schau sei, dass der frühere Direktor der Nolde-Stiftung die meisten der ausgestellten Künstler persönlich kannte. Seine persönliche Sammlerleidenschaft begann auf ungewöhnliche Weise in den 80-er Jahren. „Ich habe durch den Hamburger Kunsthändler Bogislav von Wentzel eine Adressenliste von jungen Künstlern in Südfrankreich bekommen“, berichtet der Kunsthistoriker. Gemeinsam mit Gattin Brigitte ging es Richtung Nîmes in Südfrankreich. „Über einen Feldweg, der an einer Müllhalde vorbeiführte, fanden wir das Haus von Jean Azémard; er lebte sehr zurückgezogen.“

Doch die anfängliche Scheu wich. „Keine zwei Wochen später stand er mit Alain Clément bei uns vor der Tür!“ Die beiden Franzosen waren fasziniert von der nordfriesischen Landschaft, von dem weiten Himmel und den überwältigenden Wolkentürmen. Die Verbindung Frankreich und Deutschland habe bereits 1930 weltweit gewirkt: „Matisse und Nolde galten als die führenden Exponenten der modernen Malerei!“ So habe Matisse auch die um 1940 geborenen jungen französischen Maler beeinflusst – und hier stand besonders die Auseinandersetzung mit dem Licht und den Farben im Mittelpunkt.

Manfred Reuther verwies auf eine Menge an Verbindungen und Zufällen. Seine eigene Sammlertätigkeit habe keinen speziellen theoretischen Überbau, sondern sei durch den Lebensfluss entstanden – und der Liebe zu Frankreich. „Gerade in der heutigen Situation ist diese Verbindung für Europa wichtig wie nie.“

Die ausgestellten Bilder sind von großer Vielfalt und damit sehr unterschiedlich. Im Eingangsbereich finden sich Arbeiten von Jean Azémard; sechs Aquarelle mit Segelmotiv und eine blau-ocker farbene Montage aus Papierbögen. Die von Picasso signierte Lithographie zeigt den Dichter René Char – einen Poeten, den das Ehepaar Reuther verehrt.

Kurios: der Niebüller Oberstudiendirektor Henry Mohrdieck ermöglichte in seiner Zeit als Flensburger Schulleiter seinem Kollegen Horst Wernicke, der als ausgewiesener Char-Kenner wirkte, den Besuch der Beerdigungsfeier des Dichters im Jahr 1988.

Die Werke von Alain Clément überzeugen durch ihre Farbigkeit und Kompositionskraft. Der in Lüneburg geborene Jean Leppien ist mit sechs Drucken (Linolschnitt ohne Signatur) in Schwarz-Weiß vertreten. Verrätselte Titel wie „Das große Lachen“ sind als Aufforderung zur genaueren Betrachtung zu verstehen.

Aurélie Nemours`Arbeiten im hinteren Büchereiraum erinnern stark an den Niebüller Konstruktivisten Andreas Brandt. Leider ist dieser Künstler nur mit einem Bild vertreten: Claude Viallats „Composition“ fällt ebenfalls durch starke Farbkonraste und fantasievolle Formgebung ins Auge. Das Ehepaar Reuther sammelte auch abseits der Pfade: Ausdrucksstark sind die Bilder von Claude Lapointe, einem aus dem Ardéchetal stammenden Vertreter der Art Brut. Für die Besucher gibt es viel zu entdecken. „Die Farben werden uns im nahenden Herbst aufmuntern“, schmunzelte Mafred Reuther abschließend. Die Ausstellung ist bis zum 20. Oktober zu sehen.

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