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Nordfriesland Tageblatt

19. November 2017 | 02:25 Uhr

Flechtkunst für den perfekten Sitz

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Silke Karau aus Sprakebüll schafft mit unterschiedlichsten Materialien und Techniken neue Sitzflächen oder Rückenlehnen für Stühle

von
erstellt am 08.Jun.2015 | 14:59 Uhr

Offiziell heißt die Tätigkeit von Silke Karau „Korb- und Flechthandwerksgestalterin“, aber eigentlich kann man das, was sie tut, eher als Kunst bezeichnen. Mit unterschiedlichen Materialien und in den unterschiedlichsten Techniken flicht die 54-Jährige neue Sitzflächen oder Rückenlehnen für Stühle. Angefangen hatte alles damit, dass ihr damaliger Ehemann als Schornsteinfeger auf den Dachböden viele alte Stühle entdeckte, die er mitnehmen konnte. „Ich wollte dann gerne lernen, wie man so etwas macht. Eine Bekannte hat es mir einmal genau gezeigt, und danach habe ich es selbst versucht“, erzählt Silke Karau.

Obwohl sie das Handwerk schnell erlernte und erfolgreich umsetzen konnte, arbeitete sie eine Zeit lang in anderen Bereichen und lebte sieben Jahre in Portugal, wo sie eine Tochter zur Welt brachte. „Das waren glückliche Jahre, meine Tochter hat es dort geliebt“, erzählt sie. Seit 1998 ist sie zurück in Norddeutschland und hat auch wieder mit dem Stühleflechten begonnen.

Alles, was sie mittlerweile gelernt hat, hat sie sich selber beigebracht. „Ich lehne nie einen Auftrag ab. Wenn ich die Flechttechnik noch nicht kann, lerne ich sie.“ Dabei erweist sie nicht nur Geschick und handwerkliches Können, sondern legt auch einen großen Perfektionismus an den Tag. „Was mir nicht 100-prozentig gefällt, mache ich wieder auf, auch wenn der Stuhl eigentlich schon fertig ist“, erzählt die Handwerkerin. Das komme zwar nicht häufig vor, aber kein Stuhl verlasse ihr Haus, ohne dass sie voll und ganz mit dem Werk zufrieden sei – schließlich gebe sie 25 Jahre Garantie auf ihre Arbeit.

Die Flechttechniken beanspruchen unterschiedlich viel Zeit. Für den sogenannten dänischen Stuhl braucht Silke Karau etwa vier Stunden, für schwierigere Techniken wie Chippendale rund 24 Stunden. Unabhängig davon nimmt die 54-Jährige eine feste Pauschale, die für jeden Stuhl gleich ist. „Viele zahlen dann von sich aus mehr, weil sie wissen, dass das von der Arbeitszeit her nicht hinkommt“, sagt sie. Insgesamt hätten ihre Kunden große Hochachtung vor ihrer Arbeit. Viele brächten ihre Stühle sogar extra von weit her mit, wenn sie auf der Fahrt in den Urlaub hier im Norden seien, berichtet sie. Bis auf wenige Ausnahmen fängt ihre Kundschaft bei 60 Jahren aufwärts an, der älteste war 95. „Viele schreiben mir anschließend noch und erzählen, wie sehr sie sich an den Stühle erfreuen.“

Obwohl das Geschäft, das sie seit einem knappen halben Jahr in Sprakebüll eröffnet hat, gut angelaufen ist, gibt es auch Phasen, in denen sie kaum etwas zu tun hat. „Wenn das Geld knapp ist, faste ich. Anfangs aus Not, mittlerweile aus Begeisterung“, berichtet sie. Oder wenn ihre Tochter ein bisschen Geld für die Klassenfahrt der Enkelin braucht. Silke Karau hat gelernt, mit wenig zurecht zu kommen und doch nichts zu vermissen. Ihre Wege und Einkäufe erledigt die 54-Jährige per Fahrrad oder Bürgerbus, beispielsweise wenn sie auf Märkten ihre Stühle ausstellt und dort ihre Arbeit zeigt.

Bis vor kurzem hatte sie noch drei Esel, die sie zum Markt begleitet haben, denn neben dem Stühleflechten hat Silke Karau noch eine weitere Leidenschaft: Eselsmilch. „In der Pharmazie habe ich nichts Wirksames ohne Cortison gegen Neurodermitis gefunden. Deswegen habe ich eine Zeitlang mit Stutenmilch gehandelt und Cremes und Salben damit hergestellt.“ Mittlerweile konzentriert sie sich aber ganz auf das Stühleflechten. Neben Wohnungsstühlen verpasst die Sprakebüllerin auch Gartenstühlen neue Sitzflächen. Dazu verwendet sie statt der natürlichen Materialien meist Polyesterkordeln. Wer einen Auftrag für sie hat, ruft vorher an. „Ich habe mich bewusst gegen das Internet entschieden. Was da mittlerweile für eine Informationsflut auf einen einströmt – wenn ich dem allen nachginge, hätte ich keine Zeit mehr fürs Stühleflechten.“

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