Finissage und Lesung zu Niebüll im Nationalsozialismus

Beate Jandt bei der Finissage.
Beate Jandt bei der Finissage.

shz.de von
05. Mai 2015, 14:15 Uhr

Zur Finissage der Ausstellung „Niebüll im Nationalsozialismus“ im Richard-Haizmann-Museum stellte Albert Panten unter dem Titel „Dem Ende entgegen“ das Buch „Dr. Charlotte Heidrich, Niebüll in Krieg und Frieden, Briefe an ihren Mann 1945“ vor. Zur Begrüßung wies die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Beate Jandt, darauf hin, dass die Ausstellung ein großer Erfolg gewesen sei. 2500 Besucher aus nah und fern seien gezählt worden, angereist oftmals extra aus diesem Anlass. „Wir wollten nicht den moralischen Zeigefinger heben“, betonte Beate Jandt. Somit sei das Konzept, die Fotos für sich sprechen zu lassen, richtig gewesen. Sie gab zu, „nicht alle erreicht zu haben“ und betonte zur geäußerten Kritik, dass Albert Panten zum besseren Verständnis des Erfolgs der NS-Ideologie bereits im Februar 2014 über die „Entstehung des völkischen Gedankens in Niebüll“ gesprochen habe.

Ferdinand Hahn vom Geschichtsverein erinnerte zunächst an Niebüller Bürger, die Ungewöhnliches erlebten, die nicht mit dem Regime konform gingen. Hahn erzählte von einem jungen „Wehrwolf“, der im Süderlügumer Forst mit einer Gruppe hauste. Sie hatten Gräben ausgehoben, bereiteten sich auf den Endsieg vor. Als er eines Tages in Niebüll Verpflegung erstehen wollte, grüßte er wie gewohnt mit „Heil Hitler“. „Dat is nun vorbi“, sagte ein älterer Bürger zu ihm. Der „Wehrwolf“ eilte schockiert in den Wald zurück. Nur nach und nach konnte der Jüngling seine Mitkämpfer vom Ende des Krieges überzeugen. Doch dann verballerten sie ihre Munition, rissen sich die Abzeichen ab, gingen zurück zu den Familien. „Es gab auch Widerstand in Niebüll“, sagte Ferdinand Hahn. Einzelne, wie der Malermeister Peter Petersen oder Peter Michelsen, wurden inhaftiert und kamen als gebrochene Männer zurück. Sie waren Mitglieder der örtlichen SPD, die längst verboten war. Ihre Mitglieder wurden schikaniert, wurden arbeitslos. Ludwig Lude Johannsen war ebenfalls jemand, der sich nicht verbiegen ließ. Ein Sozialdemokrat, Mitglied im Niebüller Arbeiter-Radfahrer-Bund-Solidarität von 1921. Er verlor seinen Job als Briefträger, wurde sogar noch aus der Feuerwehr entfernt. Johannsen rettete die Fahne des Radler-Clubs, versteckte sie auf dem Dachboden. Ferdinand Hahn hatte sie am Sonntag zur Ansicht mitgebracht; sie ist im Besitz des Geschichtsvereins.

Albert Panten sprach in seiner Einleitung über die Entstehung des Buches. „Ich wollte etwas gegen die offizielle Propaganda setzen, die sich in den Zeitungsberichten wiederfindet, die in dem Buch `Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus´ versammelt sind“, so Panten. „Denn auch hier in der Ausstellung gibt es ein verfälschtes Bild: Es gab nicht nur Aufmärsche!“ Albert Panten schaffte mit der Veröffentlichung ein realistisches, glaubhaftes Gegengewicht. „Wie war es denn damals vor Ort?“ – genau das erfährt der Leser. Die Autorin Dr. E. Charlotte Heidrich hat viel notiert, fast täglich geschrieben. In ihren Feldpostbriefen führte die studierte Germanistin wortmächtig ein Tagebuch, das möglicherweise keiner Zensur unterlag – außer der eigenen Selbstzensur. Die Rettung der Dokumente ist eine Story für sich. Da ihr das Farbband ausgegangen war, schrieb sie auf Kohlepapier. So blieben die Duplikate der Originalbriefe in Niebüll. „Ob ihr Mann alle Briefe bekommen hat, wissen wir gar nicht“, so Albert Panten. „Die Briefe an ihren Mann waren sogar nummeriert.“

Die Auswahl, die Albert Panten für das Buch getroffen hat, reflektiert eindringlich und offen tagtägliche Ereignisse, die lokale und persönliche Auswirkungen des 2. Weltkrieges jenseits der offiziellen Propagandameldungen in Niebüll veranschaulichen. Der Niebüller Historiker las einige bewegende Passagen, die deutlich machen, wie die Menschen in Niebüll mit Bombenangriffen, Denunziation, Gewaltherrschaft, Hunger und dem plötzlichen Kriegsende umgingen. Es ist ein Buch, das man gelesen haben muss, derzeit in Niebüller Buchhandlungen aber nicht mehr zu haben ist. Eine Neuauflage ist geplant.  



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