Musikalisches Muschelfest-Finale : Feucht, fröhlich, philosophisch

Jung, authentisch und tiefgründig: Tim Linde.
Jung, authentisch und tiefgründig: Tim Linde.

Tim Linde zu Gast in Dagebüll: Ein stimmungsvolles Konzert begeistert das Publikum trotz Wind und Regen.

shz.de von
14. August 2018, 06:00 Uhr

Die Dagebüller Muscheltage klangen mit einem Fast-Open-Air-Konzert an der kultigen Parkgarage aus. Tim Linde sollte ursprünglich auf dem neuen Deichtorplatz auftreten, doch die Wetterlage verbesserte sich erst spät. „Wir haben jede Stunde überlegt, ob es sinnvoll ist, dort zu bleiben“, sagte Klaus Schmidt, 1. Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins. Doch dann wurde die Bühne kurzerhand verlegt und direkt vor der Parkgarage platziert. Drinnen baute die Crew Sitzreihen auf, so das die Zuschauer geschützt waren. Tim Linde amüsierte sich. „So etwas habe ich auch noch nicht erlebt!“ Dem Publikum rief er zu: „Ihr denkt auch, die arme Sau muss im Regen singen, während wir im Warmen sitzen.“

Tim Linde, der das erste Mal in Dagebüll zu Besuch war, absolvierte noch schnell den Soundcheck („Das hört sich nicht gesund an, Elvis“), schon ging es los. Die Frage, wer aus Dagebüll, Umgebung oder anderswo herkäme wurde von den rund 100 Gästen bereitwillig per Handzeichen beantwortet. Gleich zu Beginn wurde klar, dass es bei Tim Linde vor allem auf die Texte ankommt. Mit seinem Song „Eindruck schinden“ nahm er die Überheblichkeit, Eitelkeit und Arroganz auf's Korn. Mit dem Song „Menschenverstand“ appellierte der Sänger daran „normal“ und „klar“ zu bleiben und „nicht dem Fernseher zu glauben“. Das Publikum ging gleich mit und freute sich über seine launigen Erläuterungen. „Stammt alles aus dem Alltag“, versicherte Linde. So auch der Song „Hühner“, der sich mit Legebatterien und der Alternative, eigene Hühner zu haben, auseinandersetzt.

In der Pause erzählte der Liedermacher neugierigen Fans, dass der Kauf genauso passiert sei. „Wir kamen zum Bauern und durften zwischen braunen und schwarzen Hühnern auswählen. Und zack, verschwand ein Huhn von der Stange, wurde in den Sack gesteckt. Meine Kinder staunten.“ Die Familie geht dem Holsteiner über alles. „Ich mache Musik für die ganze Familie, für alle von acht bis 80!“ Die Gemeinsamkeit sei ihm besonders wichtig. So würde er auch nie seinen Job als selbstständiger Filmkaufmann mit eigener Firma aufgeben. „Das ist zu unsicher – und ich wäre der Musikindustrie ausgeliefert.“ So ist der Senkrechtstarter frei – und frei sind auch seine Gedanken. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, ist sein Credo, verbunden mit der Ansage, mehr aufeinander Acht zu geben. Wie auf Kommando tanzte dazu ein Kleinkind zur Musik im Regen. „Erinnere Dich“ verwies auf die Vergänglichkeit und die Erkenntnis, dass „jeder die Summe aus den Menschen, die ihn prägen, ist“.

Das Publikum hörte konzentriert zu, spendierte reichlich Beifall. Warm ums Herz wurde es den Nordfriesen, als mit „Großes Land“ Schleswig-Holstein liebevoll beschrieben wird.

In der Pause erzählte der junge Publikumsliebling einen Schwank aus seiner Lebensgeschichte: Der aus Krefeld stammende studierte Betriebswirt hatte auf einer privaten Taufe ein Lied gesungen, das ein Freund heimlich aufgenommen und ins Internet gestellt hatte. „Das ging dann los wie eine Rakete“, berichtet Tim Linde, dem der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen ist. Da er immer Lieder geschrieben hatte, konnte alsbald die erste CD „Menschenverstand“ erscheinen, Konzerte wurden gebucht. „Und dann stand ich mit Sarah Connor vor 5000 Leuten auf der Bühne“, strahlte der jungenhafte 42-Jährige, „und ich dachte, hoffentlich geht das nicht schief.“ Alles klappte, Tim Linde und Band „flogen“ ins Herz des Publikums. „Als Student habe ich Sarah Connor noch beim Bügeln auf MTV gesehen.“

Nach der Pause nahm das Konzert mit tiefgründigen Liedern wieder Fahrt auf: So der „Brief an die Eltern“, der an die gemeinsame Vergangenheit erinnert oder aber sein Erfolgslied „Wasser unterm Kiel“. Geradeheraus spricht Linde aus, was viele denken. Seine Authentizität kam in Dagebüll voll zum Ausdruck. Die Zuschauer honorierten seinen Auftritt mit Beifall. Linde wird wieder nach Dagebüll kommen. „Hat mir wunderbar gefallen“, sagte er mit zerzaustem Haar und feuchtem T-Shirt: „War doch herrlich. Meckern über das Wetter, was soll das?“

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