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Niebüll im Nationalsozialismus : Fatale Gleichschaltung in Bildern

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Ausstellungseröffnung „Niebüll im Nationalsozialismus“ im Richard-Haizmann-Museum stößt auf große Resonanz / Zeitzeugen zu Gast

Eine Ausstellung, die bewegt. „Niebüll im Nationalsozialismus“ wirkt wie ein Magnet auf die zeitgeschichtlich interessierte Bevölkerung der ehemaligen Kreisstadt. Über 320 Besucher kamen am Sonntagnachmittag zur Eröffnung in das Richard-Haizmann-Museum. Die Mitglieder des Geschichtsvereins haben in jahrelanger Vorbereitung Fotografien und Gegenstände aus den 30er und 40er Jahren gesammelt und nun ausgestellt: ein breites Panorama aus Aufmärschen, Gruppenbilder der SA und Privataufnahmen sowie NS-Devotionalien, absichtlich ohne kritische Kommentierung und historische Einordnung.

In seiner Begrüßung schlug Hausherr Dr. Uwe Haupenthal einen Bogen von dem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund der NS-Zeit bis zu Richard Haizmann, der im Jahre 1934 als „entarteter“ Künstler nach Niebüll floh. Landrat Dieter Harrsen hob hervor, dass er gern die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen habe. In seinem Vortrag warnte er vor populistischen Ansätzen, wie sie zum Beispiel bei der Pegida-Bewegung zum Ausdruck kommen, und beschwor die demokratische Ordnung in Deutschland, die nur durch den engagierten Einsatz der Zivilgesellschaft aufrecht erhalten und weiterentwickelt werden könne. Bürgermeister Wilfried Bockholt zeigte sich nach der Lektüre der Zeitungsrecherche von Wolfgang Raloff tief betroffen über die Begeisterung, mit der die Demokratie 1933 zu Grabe getragen wurde, und wie sich alle Vereine und Organisationen bereitwillig der Gleichschaltung unterwarfen. Die Vorsitzende des Geschichtsvereins, Beate Jandt, dankte für die erhaltene Unterstützung und verwies darauf, dass die Fotos und die Zitate aus der Zeitung eine Einheit bildeten. „Wir haben uns vorgenommen, die Bilder und Texte für sich sprechen zu lassen und uns einer persönlichen Bewertung weitgehend zu enthalten. Wir denken, dass der aufmerksame Betrachter sich ein eigenes Urteil bilden wird.“


Zeitzeugen würdigen das Gesamtwerk
 

Noch vor der offiziellen Eröffnung der Ausstellung hatte der Niebüller Geschichtsverein Zeitzeugen der NS-Zeit durch die Präsentation geführt. Die Alt-Niebüller wie Ammon Momme, Anton Christiansen oder Maria Schröder (geb. Raffelhüschen) tauschten gemeinsam mit Erna Prenzel (geb. Schmäl) und Uwe Sönnichsen Erinnerungen aus. Am Tisch saßen auch Verwandte und Nachfahren wie Alfred Schlensag, Frieda Nissen, Margot Blaas, Günter Friedrichsen und Karl-Heinz Jans sowie Dieter Huth und Elisabeth Hammerich. Die Zeitzeugen waren 1933 Kinder, wurden indoktriniert und kannten kaum etwas anderes als die NS-Ideologie. Und doch hatten sie ihre eigene Kindheit und Geschichte. Beim Rundgang durch die Ausstellung wurden die Fotografien analysiert; mancher Name fiel, der längst vergessen schien. Ammon Momme verwies darauf, wie viele seiner ehemaligen Freunde gefallen waren; blutjunge Soldaten, die wie er als 16-Jähriger noch mobilisiert worden waren. Auch Anton Christiansen dachte an die Freunde und Kameraden, die vom Kriegseinsatz nicht mehr zurückkamen. Er selbst wurde vom Kreisleiter Dr. Peperkorn geohrfeigt, als er bei einem Fronturlaub 1944 es gewagt hatte, sich eine Zigarette anzustecken. Später wurde ihm bewusst, wie schnell sich die Niebüller Obernazis zu diesem Zeitpunkt bereits umorientiert hatten. Kurz nach dem Krieg waren sie wieder in neuen Ämtern oder in alten Berufen, die Folgen der Nazizeit durften andere ertragen. Seine Erinnerungen sind klar und eindeutig, man wünscht sie sich als Begleittext zu den Fotografien, um diese Ausstellung zu verstehen.

Im Namen der Zeitzeugen dankte Uwe Sönnichsen dem Geschichtsverein, der jahrelang Fakten, Bilder und Erinnerungen recherchiert und zusammengetragen hat. Dazu gehören auch Orden und Abzeichen, Soldbuch und Stammbaum, Blechteller und Tornister. Selbst aus Dänemark kamen Fundstücke wie Reklameschriften für die Hitlerjugend. Anneliese Hartz öffnete ihr Poesiealbum. Typische Sprüche dokumentieren im Eingangsbereich des Museums eine Epoche, die für die Zeitzeugen zwischen Normalität in Familie, Schule und Beruf und den Zwängen einer Diktatur hin- und herschwankte; einer Kindheit und Jugend, in der es keine freie Meinung gab. Wer es dennoch tat, wurde denunziert. Auch hieran hat Anton Christiansen deutliche Erinnerungen.

„Es ist eine bemerkenswerte Zusammenstellung“, betonte Maria Schröder. Auch die anderen Zeitzeugen waren beeindruckt über die große Auswahl, die Niebüller Leben auch jenseits der Aufmärsche repräsentiert. Die Grausamkeit des Regimes wird anhand eines einzigen Fotos dokumentiert: ein schlichtes Holzkreuz am Wegesrand, die Grabstelle des Schützen H. Hansen.

Was fehlt, ist im Foyer des Museums eine Einführung in die Ausstellung. Die Lektüre des Buches von Wolfgang Rahloff, „Niebüll in der Zeit des National-Sozialismus“, ist zum Verständnis und der kritischen Einordnung der unkommentierten Foto-Schau unabdingbar. Das Buch ist vor Ort erhältlich.

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erstellt am 17.Mär.2015 | 05:00 Uhr

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