Erfahrungsbericht : Faszination Segelfliegen: Wie ein Vogel über Südtondern

Vor dem Start: Pilot Dirk Paulsen überprüft alle Details, bevor es in die Luft geht.
Vor dem Start: Pilot Dirk Paulsen überprüft alle Details, bevor es in die Luft geht.

Der Luftsportverein Südtondern ermöglicht einen Perspektivwechsel der besonderen Art – unsere Reporterin hat's ausprobiert.

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11. August 2018, 07:00 Uhr

Aventoft | Wuuuusch – ich werde in den Sitz gedrückt, mein Kopf schlägt zurück an die Lehne. Meine Hände krallen sich um den Sicherheitsgurt. Ich versuche zu atmen und an die schöne Aussicht zu denken, die mir versprochen wurde. Die kann ich gerade noch nicht genießen, denn ich halte instinktiv die Augen geschlossen, um gegen mein Schwindelgefühl anzukämpfen. Ich blinzele vorsichtig, sehe Pilot Dirk Paulsen, wie er das Flugzeug in die Höhe dirigiert – und hoffe inständig, dass er mich heil wieder nach Hause bringt.

„Ich will noch zum Friseur, du hast also gute Chancen, dass ich dich im Ganzen wieder nach unten bringe“, sagt der 29-jährige Wirtschaftsinformatiker und lacht. Gelacht habe ich vor dem Abflug auch noch. Und mich als Karussell-sicheren Fluggast vorgestellt. Höhe und Geschwindigkeit? Kein Problem, dachte ich. Der Start in Passagierflugzeugen gefällt mir immer am besten. Dass das im Vergleich zu einem Start mit unserer „Schleicher ASK-13“ ein Zuckerschlecken ist, hätte ich nicht vermutet.

In den Sitz des Flugzeuges gedrückt und Stoßgebete gen Himmel schickend, höre ich auf einmal, wie es „Klick“ macht. Wir sind von der Seilwinde, die uns in den Himmel gezogen hat, ausgeklickt. Langsam gleitet das Flugzeug in eine waagerechte Position. „Und, alles in Ordnung?“ fragt Paulsen. Ich traue mich, die Augen zu öffnen. Da ist sie: die versprochene Aussicht. Nur, dass sie viel mehr ist, als einfach nur schön. In der Ferne kann ich die Inseln sehen, das blaue Wasser und die Sonne, die langsam gen Himmel aufsteigt. Anders als bei einem Passagierflugzeug ist es hier oben ganz still – nur das Piepen des Variometers zeigt an, ob wir uns gerade im Aufwind befinden.

„Darum geht es eigentlich“, hatte Fluglehrer Matthias Dubbick vorab geklärt. „Die richtige Thermik zu finden.“ Thermik– das ist warme Luft, die vom Boden aufsteigt, und dafür sorgt, dass das Segelflugzeug steigt. „Guck mal da, die scharfkantige Wolke“, sagt Dubbick und zeigt in den Himmel. „Daran erkennt man zum Beispiel, dass dort warme Luftmassen aufsteigen und kondensieren. Eigentlich ist Segelfliegen Meteorologie.“

Nicht die besten Bedingungen, doch der Ausblick entschädigt

Der 69-Jährige profitiert von seiner langjährigen Erfahrung, die er jetzt an seine jungen Flugschüler weitergeben kann. Bereits ab 14 Jahren kann man mit einem Pilotenschein alleine Segelfliegen. Seit 1968 ist er im Segelflugzeug fast zu Hause. Der besondere Reiz am Segelfliegen? „Naja, mit Motor kann es ja jeder“, sagt der Fluglehrer mit einem Augenzwinkern.

Zurück in unserem kleinen Schul-Segelflugzeug versucht Dirk Paulsen immer noch eine gute Thermik zu finden. „Die Luft trägt leider noch überhaupt nicht“, sagt er, während wir uns wie ein Brummkreisel über ein kleines Waldstück bewegen. Egal. Der Ausblick und das schwerelose Gefühl entschädigen für alles. „Das ist, als ob einem die Tragflächen angewachsen seien“, hatte Dubbick es beschrieben. Und so ist es: lautlos gleiten wir wie ein Vogel durch die Luft. „Das Fliegen bedeutet für mich Freiheit. Es ist das Gefühl, dass man im Prinzip hinfliegen kann, wo man will, solange einen die Luft trägt.“ Das sind im besten Fall bis zu 150 Kilometer Strecke, normalerweise auf einer Flughöhe von 400 bis 900 Metern. Bei optimalen Bedingungen können es bis zu 2000 Meter Höhe sein.

Heute schaffen wir es nur auf ungefähr 350 Meter, erst zum Nachmittag sind bessere Wetterverhältnisse für das Segelfliegen angekündigt. Für die wenigen Augenblicke sind eine lange Vorbereitungszeit und viele helfende Hände nötig. Das Flugzeug muss aus der Halle auf die Startbahn geschoben und das Fahrzeug mit der Winde für den Start am Seil platziert werden. Außerdem muss jemand die Funkkontrolle übernehmen. Vor jedem Start wird zudem alles noch einmal mit dem sogenannten Fluggebet überprüft – der Pilot sagt sich vor dem Start noch einmal alle technischen Einstellungen auf, die in einwandfreiem Zustand funktionieren müssen. „Die Zeit ist der eigentliche Luxus“, sagt Dubbick.

Derweil dreht Paulsen mit mir die letzte Runde über die Felder. Obwohl wir nur so kurz in der Luft waren, fällt mir der Abschied von den hohen Lüften bereits schwer. Per Funk kommt das Okay zur Landung, die Nase des Flugzeuges neigt sich und wenige Augenblicke später ruckelt das kleine Flugzeug über die Landebahn. Meine Knie zittern, als ich aussteige. Trotzdem muss ich meinem Piloten Recht geben: Wenn man einmal mitgeflogen ist, lässt es einen nicht mehr los.

> Wer Lust auf eine atemberaubende Aussicht über Südtondern hat, kann noch bis zum 19. August während der Schnupperwochen des Luftsportvereins täglich das Segelfliegen kennenlernen. Weitere Informationen bei Christel von Eyß, Telefon 0152/ 31715232.

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