Konzert : Fabelhaft trifft „Eingedunkelt“

Das Duo Amaris– Mezzosopranistin Julia Spies und der Gitarrist Jesse Flowers.
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Das Duo Amaris– Mezzosopranistin Julia Spies und der Gitarrist Jesse Flowers.

Schöne Töne von der Renaissance bis in die Jetzt-Zeit: Das preisgekrönte Duo Amaris gastierte in Leck.

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18. April 2018, 11:50 Uhr

Leck | Ein fabelhaftes Konzert, ein fantastisches Duo Amaris: Die Musikfreunde in Leck und Umgebung bewiesen am Montagabend wieder einmal ein glückliches Kenner-Händchen. Die Vorsitzende, Heidi Specht-Christel, hatte die Mezzosopranistin Julia Spies und den Gitarristen Jesse Flowers – als Duo Amaris bereits preisgekrönt – eingeladen.

Beide boten ein anspruchsvolles Programm, das neben John Dowland (ca. 1563-1626), Claude Debussy (1862-1918) und Franz Schubert (1797-1828) auch moderne Kompositionen von Benjamin Britten (1913-1976) und Aribert Reimann (*1936) beinhaltete – von der Renaissance bis in die Jetzt-Zeit. „Wandeln auf der Kippe zwischen Volks- und Kunstton“, lautete die Überschrift.

John Dowland, Lautenspieler der Shakespeare-Zeit, hat eine große Bandbreite vorzuweisen. „Viele Gegensätze: Zu- und Abgewandtheit, Liebe, Depression und Sehnsucht“, so Julia Spies. „Und doch scheint in unserem Konzertprogramm immer Licht in das Eingedunkelte.“ Die volkstümlichen Lieder aus dem „The first booke of songes“ zeigten bereits von Beginn an, welche Klasse die beiden Preisgekrönten besitzen.

Julia Spies verzauberte das Publikum mit mal einschmeichelnder, dann fordernder Stimme – ganz in der Tradition des elisabethanischen Zeitalters. Jesse Flowers, der bereits am Vortag von der Schweizer Grenze angereist war, faszinierte mit Benjamin Brittens „Nocturnal after John Dowland for Guitar op. 70“.

Britten schrieb das für das 20. Jahrhundert wegweisende Werk 1963 für den Meistergitarristen Julian Bream. Der junge Gitarrist Flowers bewältigte das komplizierte mehrteilige Werk grandios: Die Wechselbäder zwischen Moderne und Tradition in einer eigenen musikalischen Sprache changierten zwischen „Very agitated“ und „Slow and quiet“. Auch Claude Debussy hat mit seinen „Mélodies“ ungewohnte Töne bzw. Klänge gefunden. Ein Komponist, der die Romantik mit der Moderne verknüpfte. Zwischen 1875 und 1915 komponierte Claude Debussy mehr als 80 Lieder: „Mélodies“ für Singstimme und Klavier, fast die Hälfte davon vor 1885. Einige seiner frühen Lieder waren Sängerinnen gewidmet (vielleicht auch als versteckte Liebeserklärungen), die er selbst am Klavier begleitete. „Eine ganz eigene Poesie, es entstehen wunderbare poetische Bilder“, erläuterte Julia Spies. Jesse Flowers’ Lehrer, der Meistergitarrist und Komponist Tilmann Hoppstock, hat die „Mélodies“ für die Gitarre bearbeitet.

Nach der Pause erklang Aribert Reimanns „Eingedunkelt für Alt solo“ – gewidmet Paul Celan, dessen Eltern im KZ ermordet wurden. Reimann hatte das Titelgedicht „Eingedunkelt“ zum Anlass genommen, aus markanten Zeilen weiterer Celan-Gedichte eine Textstruktur zu bauen. Julia Spies interpretierte die neun Gedichte auf besondere Weise. „Die Gedichte sind nicht hermetisch, sie beinhalten Vergangenheits- aber auch Zukunftsbewältigung“, erklärte die Sängerin, „Sie sind als Flaschenpost zu verstehen, die vielleicht in einem Herz-Land angeschwemmt werden – das kann jeder für sich entscheiden.“

Mit Franz Schuberts „Meeres Stille“ (Goethe schrieb es 1796 während seiner Italienreise auf einer Seefahrt während der Rückkehr von Sizilien) und weiteren Schubert-Kompositionen (Der Mondabend, Nachtviolen, Nachtstück) endete dieser außergewöhnliche Abend vorläufig. „Ich möchte Sie jedoch nicht mit dem Tod entlassen“, scherzte Julia Spies nach dem langen Beifall und sang mit Manuel de Fallas „Nana“ ein anrührendes, altes Wiegenlied.

Die Kommentare der Zuschauer beim Hinausgehen überschlugen sich förmlich vor Begeisterung: „Fabelhaft, mitreißend, wunderschön, eindrucksvoll, fantastisch!“


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