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Nordfriesland Tageblatt

21. August 2017 | 20:39 Uhr

Expressionistische Lyrik und Kalligrafie

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Einen Einblick in die Epoche des Expressionismus erhielten Besucher in den Räumen von „Bücher ohne Grenzen“. Zugleich wurde das im Jahre 2012 bei der „Edition marehalm“ (Karlum) erschienene Buch „Wird denn die Sonne alle Träume morden?“ vorgestellt. Dessen Texte verfasste die Literaturwissenschaftlerin Dr. Karin Tuxhorn („litera“), während die Bilder von sieben Schriftkünstlerinnen der Gruppe „lettera“ kalligrafisch gestaltet wurden. Die Werke setzen auf höchst sensible und individuelle Weise expressionistische Lyrik, zum Beispiel Zeilen oder Wortgruppen aus Gedichten, visuell um. Dadurch gehen Bild und Text eine außergewöhnliche Symbiose ein. Denn beide werden durch die Seele erfahrbar gemacht.

In ihren Begrüßungsworten hieß Gyde Köster die beiden Referentinnen des Abends, Dr. Karin Tuxhorn und Antje Glashagen-Stuck, willkommen. Karin Tuxhorn ging zunächst auf einige in der Literaturgeschichte zu findende Definitionen des Expressionismus ein, der zeitlich in die Spanne von 1910 bis 1925 eingeordnet werde. Dabei stelle sich die Frage, ob Expressionismus eine ethische Gesinnung oder eine ästhetische Lebensart sei. Auf alle Fälle aber sei er darauf ausgerichtet, dem „ICH“ als inneren Menschen einen neuen Stellenwert zu vermitteln. Die neue Kunst des Expressionismus sei allerdings von der breiten Öffentlichkeit, dem Bürgertum, nicht unbedingt willkommen geheißen.

Antje Glashagen Stuck führte in die Kalligrafie, die Kunst des schönen Schreibens, ein, die mit dem Erlernen historischer Schriftarten beginne und außergewöhnliches Schreibmaterial erfordere. „Das Schreiben historischer Schriften hat etwas Meditatives“, so Antje Glashagen-Stuck, „denn während des Schreibens richtet man seine ganze Energie auf dieses. Die Gedanken werden gesammelt, und der Geist wird frei.“ Sie habe es aber nicht beim schönen Schreiben belassen, sondern mit Erfolg denjenigen nach Kalligrafen nachgeeifert, die in freien Arbeiten mit der Schrift experimentierten, sie verzerrten, aus ihrem Korsett befreiten und sie reduzierten, um den Inhalt des Textes beziehungsweise ausgewählter Worte zu unterstreichen. „Es geht also im Kern darum, durch die Art und Weise, wie ich etwas kalligrafisch umsetze, den Inhalt des Textes zu interpretieren.“

Karin Tuxhorn trug verbale Interpretationen im Stile des Expressionismus verfasster Gedichte vor, welche die latente Kritik am Bürgertum, an den überlieferten Traditionen und Normen zum Ausdruck bringen und die Richtigkeit einer Feststellung des Schriftstellers Herwarth Walden bestätigten: „Das Material der Dichtung ist das Wort, ihre Form der Rhythmus.“ Abschließend wies sie auf die noch immer währende Aktualität expressionistischen Gedankengutes hin. Denn das moderne Großstadtleben, Kriege und Aufstände in aller Welt, aber auch die Zunahme der Tropenstürme, die Überschwemmungen in den Pyrenäen und Großbritannien gäben immer wieder Anlass zu einem „Aufmarsch des Wahrhaftigen“ (Iwan Goll), bei dem die Menschen motiviert werden, sich selbst als Mitte der Welt anzunehmen und auf eine bessere Zukunft zu hoffen.

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