Geburtshilfe : „Ex-Babys“ sagen herzlichst Tschüss

Eine fröhliche und dankbare Runde verabschiedete Gudrun Jensch (Mitte), in den Ruhestand.
Eine fröhliche und dankbare Runde verabschiedete Gudrun Jensch (Mitte), in den Ruhestand.

Gudrun Jensch hat als Hebamme in 43 Berufsjahren wohl tausenden von Menschen auf die Welt geholfen – jetzt geht sie in den Ruhestand

shz.de von
27. Juni 2014, 05:00 Uhr

Großer Abschied für eine bekannte Hebamme am Klinikum Niebüll, das für sie 28 Jahre professionelle Heimat war. Gudrun Jensch (62, kleines Foto) geht, nachdem sie in 43 nach ihren Worten erfüllten und schönen Berufsjahren einigen Tausend Menschen zum ersten Schritt ins Leben geholfen hat, vorzeitig in den Ruhestand. Kolleginnen, Wegbegleiter, Freunde und „Ex-Babys“ sagten nach ihrer letzten Schicht auf Station 4 herzlichst „Tschüss“.

Gudrun Jensch, eine geborene Lorenz vom Mühlenhof im Christian-Albrechts-Koog, entschloss sich nach ihrer Ausbildung als Erzieherin im Alter von 19 Jahren zum Beruf der Hebamme. Den erlernte sie in der Berlin-Neuköllner Frauenklinik bei Prof. Erich Saling. „Ich war auf Anhieb von meinem Beruf fasziniert“, erinnert sie sich des „wahnsinnig-aufregenden“ Gefühls, als die das erste Baby in Händen hielt.

Dem Start in Berlin folgte eine berufliche Wanderschaft, die sie nach Oldenburg (Oldenburg), Karlsruhe, Niebüll und ins Flensburger „Franziskus“ führte, bevor sie eine Auszeit nahm und drei Söhnen nach Leben schenkte, einem späteren Arzt, Techniker und Kaufmann und einem Beamten. Das Trio führte sie in den (vorläufigen) Status der dreifachen Oma. Über die Flensburger Klinik-West führte der Weg zurück nach Nordfriesland, wo sie 1986 in Niebüll anfing, damals unter der Regie von Dr. Jürgen Lemke.

Es sollte für Gudrun Jensch eine glückliche Zeit werden – glücklich von daher, „weil ich am Glück anderer teilhatte, weil ich es als Ehre empfand, intime Augenblicke mitzuerleben und weil ich mich immer mit den frisch gebackenen Frauen mitfreute.“ Sie erlebte in fast drei Jahrzehnten in Niebüll zwei Geburten-Generationen, in denen sie Müttern in ihrer Eigenschaft als Hebamme Mut machte, das Leben mit dem Neugeborenen beherzt anzugehen.

„Das Leben im Krankenhaus war mein Leben“, gesteht sie, „und das Krankenhaus, mit dem ich mich identifiziert habe, auch mein zweites Zuhause.“ Sie denkt an schöne, schwere, einfache und auch an komplizierte Geburten zurück, „die so unterschiedlich waren wie das Wetter in Nordfriesland.“ Das Leben und Arbeiten auf Station 4 setzte sich für die scheidende Hebamme bei den vielen Hausbesuchen fort, die erst dann endeten, wenn das Leben des Neugeborenen seinen Lauf nahm und die Mutter physisch und bisweilen auch psychisch ihr neues Rollenspiel auf der Reihe hatte.

Was jetzt, Frau Jensch? Darauf hatte die künftige Rentnerin gleich ein ganzes Bündel von Antworten. Ihr Handy dürfte mit Sicherheit nicht weiterhin in Griffweite auf dem Nachttisch oder unterm Kopfkissen liegen. Die Zeit, 365 Tage im Jahr rufbereit zu sein, wird bei ihr schnell der Vergangenheit angehören. Garten, Sport, Kontaktpflege mit Freunden und Vertrauten werden nicht mehr vom Blick auf den Dienstplan abhängen. Für die nächsten Tage ist eine „Reise ins Blaue“ geplant. „Alles Weitere wird sich finden“, sagt Gudrun Jensch und schickt sich an, einen neuen Lebensabschnitt ganz nach ihrem Gusto anzugehen.




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