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Flüchtlingskrise : Es fehlen die Räumlichkeiten

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Im Ausschuss für Schule, Kultur und Soziales berichteten Schulleiter über alarmierende Entwicklungen an den Bildungseinrichtungen

von
erstellt am 02.Okt.2015 | 05:00 Uhr

„Wie ist die Situation bezüglich der Flüchtlinge an den Schulen?“, wollte Bernd Neumann (CDU) in der Sitzung für Schule, Kultur und Soziales von den Schulleitern wissen. Was er und die übrigen Ausschussmitglieder von Hans-Ferdinand Sönnichsen (Gemeinschaftsschule Niebüll) und Annett Lentfer (Alwin-Lensch-Schule) erfuhren, sorgte für eine langanhaltende Diskussion.

Es fehlt an Handlungshinweisen seitens des Landes, seitens des Schulamtes, wie mit den Schülern, die als Flüchtlinge an die Einrichtungen kommen, zu verfahren sei, mit welchen Ziel sie ausgebildet werden sollen. „Es wird sehr wenig besprochen, und das ist sehr, sehr schade“, erklärte Hans-Ferdinand Sönnichsen, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Niebüll. „ Sollen sie bei uns einen Abschluss machen oder sollen sie nur die deutsche Sprache erlernen?“, stellte er in seinem Bericht die Frage in den Raum. „Die deutsche Sprache erlernen, könnten sie auch in der Volkshochschule.“ Aber es fehlt vor allen Dingen an Platz.

Unterrichtet werden sie derzeit in DAZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache). Diese war an der Gemeinschaftsschule Niebüll am 1. Februar mit 26 Wochenstunden gestartet, wurde vor den Sommerferien von acht bis zehn Schülern besucht. „Nach den Sommerferien sind die Zahlen explodiert“, berichtete Hans-Ferdinand Sönnichsen für seine Einrichtung. „Derzeit unterrichten wir dort 38 Schülerinnen und Schüler.“ Und das gemischt im Alter von 11 bis 16 Jahren – manchmal sogar darüber hinaus. „38 Schüler aber sind in einer Gruppe nicht mehr zu unterrichten. Wir haben jetzt die Stundenzahl auf 21 pro Woche reduziert.“ Gelehrt wird in zwei Gruppen. Von einer 30 Stunden-Unterrichtswoche, wie sie anderen Schülern zusteht, sei man weit entfernt. Man versuche, den neuen Schülern zusätzlich neben Deutsch als Fremdsprache auch Sport und Technik anzubieten. Sönnichsen: „Das ist eine Herausforderung für die beiden DAZ-Klassen, und unsere Räumlichkeiten sind ausgebucht.“

So sucht man die Kooperation. Unterrichtsstunden erhielt die Gemeinschaftsschule von der Beruflichen Schule des Kreises – zehn Stunden pro Woche. Die werden im Schulzentrum von den älteren Schülern mit Flüchtlingshintergrund in den Werkstätten genutzt „um sie so in Richtung einer Berufsausbildung hinzuführen. Möglicherweise!“, erklärte Hans-Ferdinand Sönnichsen. In jedem Fall aber könnten sie an sich neue Fähigkeiten entdecken. „Wir versuchen, mit Bordmitteln, die Gruppen klein zu halten und den Unterricht effektiver zu gestalten.“ Denn der Wille, etwas zu lernen, und die Fähigkeiten seien bei den Schülern aus Flüchtlingsfamilien sehr groß.

Überlegt worden sei bereits, Ehrenamtliche für den Unterricht einzusetzen. „Aber wir müssen auch auf die Qualität achten, und im Kreis der pensionierten Lehrkräfte findet unser Anliegen wenig Widerhall.“ 2006 habe man erstmals Kinder und Jugendliche aus dem Niebüller Wohnheim für Asylbewerber aufgenommen. Hans-Ferdinand Sönnichsen: „Ziel war es, sie zum Schulabschluss hinzuführen. Ob uns das jetzt noch gelingt, wage ich zu bezweifeln. Aber ein Ziel ist wichtig.“ Zwei Mädchen aus Eritrea seien derart traumatisiert, dass er ihnen nur drei Stunden Unterricht pro Tag zumute und sie dann wieder nach Hause schicke, um sie so wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Uns fehlt das Know-how.“

Nicht anders sieht es in der Alwin-Lensch-Grundschule aus. Auch hier seien die Schülerzahlen durch Kinder aus Flüchtlingsfamilien explodiert. 19 von ihnen werden in der Basisstufe unterrichtet, das heißt, sie haben keine Deutsch-Kenntnisse. Fünf befinden sich in der Aufbau-, 81 in der Integrationsstufe. Auch hier sind das große Problem fehlende Räumlichkeiten und Ausstattung. Wie ihr Kollege berichtet Schulleiterin Annett Lentfer von traumatisierten Schülern, deren Erlebnisse während der Flucht erst jetzt so nach und nach an die Oberfläche kämen – mit allen Begleiterscheinungen. Sie wünschte sich, die leer stehenden Räume im benachbarten Förderzentrum nutzen zu können. Aber das habe, trotz mehrer Anfragen, nicht geklappt. Die Schülerzahlen aber werden weiter ansteigen.

Hella Weinhonig (SSW) schlug vor, sich mit der Traumagruppe des Beratungs- und Behandlungszentrums im Diakonischen Werkes Südtondern in Verbindung zu setzen. Bert Bruhn (CDU) regte an, Gelder im kommenden Haushalt bereit zu stellen. „Zu spät“, machte Thomas Uerschels (SPD) deutlich. Hilfe werde jetzt gebraucht, der Haushalt der Stadt Niebüll aber erst in einigen Monaten verabschiedet. Ralph Hoyer (SPD) mahnte zur raschen, unkomplizierten Unterstützung der Schulen: „Heute sprechen wir noch von einer Herausforderung, morgen von einem Chaos.“

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