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„Er hat die Region deutlich beeinflusst“

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Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Professor Dr. Manfred Reuther, ehemaliger Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, im Interview zum Tod des Malers Andreas Brandt

Andreas Brandt, einer der führenden Vertreter des deutschen Konstruktivismus, ist Anfang Januar gestorben – nur wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag. Fast 30 Jahren lebte und arbeitete er in seinem Wohn- und Atelierhaus in der Niebüller Gotteskoogstraße. Mit dem Tod des international anerkannten Vertreters der konkreten Malerei wurde eine große Lücke in die Kunstszene Nordfrieslands gerissen. Professor Dr. Manfred Reuther (kleines Foto), ehemaliger Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, war ein Freund und Förderer Brandts. Im Gespräch erinnert er sich an Wesen und Wirken des Künstlers, dem Niebüll ans Herz gewachsen war und der die Stadt und ihre Umgebung geprägt hat.

Wann ist Ihnen Andreas Brandt zum ersten Mal begegnet?
Das war im Sommer 1977 in Seebüll. Ich war Mitarbeiter der Noldestiftung. Andreas Brandt hatte nach dem Nolde-Stipendium von 1962 ein zweites Mal ein Stipendium der Stiftung erhalten. Das ermöglichte ihm für über ein Jahr ein unabhängiges, konzentriertes Arbeiten im neuen Wohnatelier der Stiftung auf dem Seebüll benachbarten Hülltoft. Wir kannten Brandt und seine Malerei zuvor nicht, doch waren meine Frau und ich sogleich sehr angetan und haben spontan ein Gemälde erworben, von dem wir noch heute begeistert sind.

Nolde ein Expressionist, Brandt hingegen ein Konstruktivist – wie passt das zusammen?
Gewiss, es waren und sind extrem gegensätzliche Kunstwelten mit sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten. Martin Urban, damaliger Direktor der Nolde-Stiftung, hatte Andreas Brandt wohl in den späten 50-er Jahren in Berlin kennengelernt und war schon damals von seiner Arbeit überzeugt. Er ermöglichte ihm das erste Stipendium, setzte sich auch in der Folgezeit immer wieder für ihn ein, bis hin zur großen Andreas-Brandt-Ausstellung in der Kieler Kunsthalle 1988.


Hatte Brandt damals schon seinen Weg gefunden?
Eindeutig ja. Mit seinen strengen, rationalen Bildordnungen und geometrischen Formgefügen, die er konsequent verfolgt sowie überraschend vielseitig variiert hat, hatte er bereits eine feste und authentische Bildsprache entwickelt. Das Leben auf dem Lande ist dem Großstadtmenschen aus Berlin, mit Aufenthalten in New York und Paris, gut bekommen, festigte seine Lebenssituation und die Formensprache seiner Bilder.

War das ein Grund, warum er sich später für Niebüll als Wohnsitz entschied?
Sicherlich. Das grundsätzliche, geradezu existenzielle Erlebnis seines Seebüll-Aufenthalts hat gewiss seine Entscheidung bestimmt, doch auch die Erfahrung der menschlichen Begegnungen, der Aufnahme und sozialen Einbindung. Er war der Landschaft sehr verbunden, liebte ihre Weite, das Meer, den hohen Himmel, auch das raue Klima.

Eine Gemeinsamkeit mit Nolde ...
Nolde war ein Eingeborener, der in dieser Region verwurzelt war, Brandt blieb ein Zugereister, der als Heimatloser seinen glücklichen Ort gefunden und Wurzeln geschlagen hatte, doch diesen als elementare, als unmittelbare Anregung für seine Kunst nicht brauchte.

Hat sich Brandt nach seinem Entschluss, 1986 nach Niebüll zu ziehen, sofort ins kulturelle Leben eingebracht?
Das kann man sagen. Es ist allgemein ein auffälliges Kennzeichen der Konstruktivisten, dass sie ihre Umwelt in ihr künstlerisches Denken einbeziehen und zu gestalten suchen. In den Anfängen des Richard-Haizmann-Museums und der Interimsphase nach dem Tod von dessen Leiter Erwin Heizmann hat Andreas Brandt die Ausrichtung und das Programm deutlich geprägt. 1988 hat er die sensationelle Ausstellung zu Max Bills 80. Geburtstag ermöglicht, einem der international hochrangigen Konstruktivisten. Nicht in Zürich, sondern in Niebüll wurde gefeiert. Bill kam zur Eröffnung aus Zürich und krönte, sichtlich angetan, das Kunstfest auf dem Marktplatz. In der Folge gelang es Brandt mit großem Erfolg, die Niebüller Stadtbücherei mit vielseitigen, hochkarätigen Kabinett-Ausstellungen als kulturell attraktiven Ort im Stadtzentrum zu etablieren. Ihr Leiter, Ronald Steiner, eröffnete Brandt dafür alle Möglichkeiten und unterstützte ihn vorbehaltlos.

Als Kurator holte Brandt die Großen seiner Zunft in die Bücherei. Wie kam es dazu?
Er hatte weitreichende Beziehungen zu den Konstruktivisten über die Landesgrenzen hinaus, doch auch zu Sammlungen und künstlerischen Nachlässen Zugang. So ergaben sich Chancen, begleitend zu den Länderthemen des Schleswig-Holstein Musikfestivals, Kunstausstellungen zu organisieren.

Die internationale Kunstszene kam so nach Niebüll.

Ja, es ist schon erstaunlich. Shizuko Yoshikawa kam sogar mit der Aufwartung des japanischen Generalkonsuls. Doch förderte Andreas Brandt auch junge Künstler. Für seine künstlerischen Leistungen und sein großes Engagement wurde ihm 2002 der erstmals vergebene „Nordfriesische Kulturpreis für Literatur, Musik und Kunst“ der Kulturstiftung der Sparkasse verliehen. Das war verbunden mit einer großen Ausstellung im Husumer Schloss und einem umfangreichen Katalog.

Aber Andreas Brandt war nicht nur Kunstvermittler und Künstler, sondern mischte sich ein ...
Ihm lagen das Stadtbild und seine Gestaltung am Herzen. Sein Urteil war auch hier unbestechlich. Er half Stadtplanern und Politikern manchmal mit Vorschlägen, wenn es um die Aufstellung von Skulpturen ging. Denn um deutliche Worte war er nie verlegen, wenngleich sein Auftreten zurückhaltend und bescheiden war. Das Image Niebülls hat durch seine vielfältigen Aktivitäten deutlich gewonnen.

Gleiches lässt sich zu seinen weiteren Aktivitäten sagen, die man als „Pionierarbeit in Nordfriesland“ zusammenfassen könnte.

Andreas Brandt hat sich vielfach auf verschiedenen Feldern engagiert, auch im alltäglichen Leben. So hat er die Fahnen für das Niebüller Museum entworfen oder das Logo zum 75-jährigen Schuljubiläum der Friedrich-Paulsen-Schule (FPS) gestaltet und manches Layout für Prospekte, Broschüren oder Beschilderung entwickelt. Er war gewiss kein leichter, manchmal ein schwieriger, wenngleich ebenso interessanter Zeitgenosse, in seinen Urteil bisweilen etwas scharf und einseitig. Doch war er durchaus lebens- und kommunikationsfreudig, saß gern an Sonnabenden mit Freunden im Ratscafé und liebte es, unbeschwert zu plaudern. Die Stadt habe in den Sommermonaten zur Marktzeit durchaus ein urbanes, südländisches Flair, meinte er.

Seinen Besuchern präsentierte er dieses Niebüll gern?
Gewiß. Brandt hatte ja rege Kontakte zu bedeutenden Maler- und Bildhauerfreunden im In- und Ausland. Seine Gäste führte er durch die Stadt, pries das Handwerk und die hiesigen Einzelhändler, Bäcker oder Schlachter und lobte im Detail deren Erzeugnisse.

Und haben die Niebüller umgekehrt auch erkannt, was der Kunstprofessor im Blickfeld hatte?
Ich glaube schon, wenigstens mit der Zeit. Namen wie Werner Scholz (Ausstellung 2014) oder Karl Hartung (Ausstellung 2015) haben ihren Klang. Kunst, die anspruchsvoll, aber mehr allgemein zugänglich ist: Das fand die Zustimmung der Niebüller Kunstfreunde. Viele wurden aber erst zu Kunstinteressierten, als sie mit der täglichen Begegnung von Bildern in der Stadtbibliothek andere Bereiche kennenlernten.

Andreas Brandt wirkte streng, diszipliniert und geradlinig wie seine Bildgestaltung. Seine Knappheit, seine reduzierten Streifen auf monochronem Hintergrund – war er das selbst?
Sicher war Andreas Brandt zurückhaltend, nicht laut, manchmal fast asketisch, auch in der Gestaltung seiner Lebenswelt ästhetisch funktional organisiert. Doch konnte er auch humorvoll, warmherzig sein und lachen.

Was war seine Botschaft?
Er war grundsätzlich bestrebt, Kunst als selbstverständlichen Begleiter in den Alltag einzubringen und das Bewusstsein für die Qualität des Gestaltens in der Reduzierung auf das Wesentliche und die Bereitschaft für das elementare visuelle Erlebnis zu schärfen. Mit seinen konkreten Ansprüchen und konsequenten Forderungen, seinem großen künstlerischem Engagement hat er Stadt und Region deutlich beeinflusst. Andreas Brandt wird uns fehlen und unvergessen bleiben.

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erstellt am 15.Feb.2016 | 11:53 Uhr

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