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"Think before you post" : Einmal im Netz – Fotos und ihre Folgen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Eine Landesarbeitsgemeinschaft will junge Frauen sensibilisieren, nicht gedankenlos freizügige Aufnahmen von sich zu versenden und zu posten.

von
erstellt am 12.Nov.2014 | 10:30 Uhr

Gutgläubigkeit und Vertrauen werden enttäuscht, und dann ist es passiert: Intime Fotos, gedacht für einen Freund oder eine Freundin, werden weitergereicht und landen, beispielsweise nach einem Streit oder dem Ende der Beziehung, unkontrolliert und ohne Einverständnis im Netz. Damit sind sie, praktisch für alle Welt, sichtbar und abrufbar. Dem Missbrauch sind alle Türen geöffnet. Nicht selten beschäftigen sich Gerichte mit den Folgen, wie gerade in dieser Woche das Amtsgericht in Niebüll mit einem Vorfall aus Leck, in dem es um einen Fall von schwerer Nötigung ging: Ein Mädchen versendet Nacktfotos von sich und wird anschließend zu sexuellen Handlungen gezwungen. Die Folgen für die Betroffenen sind unterschiedlich: Ohnmacht, Trauer, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, die auch in den Selbstmord führen kann. „Think before you post“ lautet eine Kampagne der Landesarbeitsgemeinschaft der hauptamtlichen kommunalen Gleichstellungsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein. Sylke von Kamlah-Emmermann, Gleichstellungsbeauftragte im Amt Südtondern, erklärt, worum es dabei geht.


Frau von Kamlah-Emmermann, die Landesarbeitsgemeinschaft der hauptamtlichen kommunalen Gleichstellungsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein startet einen Videoclip/Handywettbewerb für Jugendliche aus Schleswig-Holstein zum Thema Sexting. Was bezweckt sie mit dem Wettbewerb?
Sylke von Kamlah-Emmermann: Durch den Wettbewerb und die Kampagne wollen wir auf die Problematik aufmerksam machen. Aufklärung sollte eigentlich zuhause betrieben werden, doch wenn über die Problematik nicht geredet wird, steigen die Gefahren. Denn Eltern haben nicht im Griff, was ihre Kinder posten. Wir möchten das Thema in der Öffentlichkeit platzieren, um vor allem Schülerinnen und Schüler auf die Gefahren von Sexting aufmerksam zu machen, und um Eltern und Lehrkräfte über die Auswirkungen zu informieren.

 

Sie sagen, Mädchen und Frauen sind vom Sexting viel stärker betroffen als Jungen. Woran liegt das?
Die Konzentration auf das Körperliche ist bei Mädchen und Frauen viel höher, als bei Jungen. Sie wollen sich nett darstellen und zeigen sich schnell viel zu offenherzig, manchmal halb nackt, ohne sich etwas dabei zu denken. Es geht ihnen um das subjetive Schöne, zu zeigen: Schaut her, ich bin schön. Auch in euren Augen? Das finde ich sehr schade. Ich dachte immer, wir seien schon weiter. Ein gutes Beispiel dafür sind die sozialen Netzwerke. Wir machen alles mit, aber es wird keine Aufklärung betrieben. Da muss man sich fragen: Muss denn jeder alles über mich wissen? Ist es denn notwendig, intime Bilder zu verschicken?

 

Wo liegen die Gefahren ?
Zum einen stehen diese Fotos im Internet und sind für jeden einsehbar – auch natürlich für künftige Vorgesetzte. Denn auch in Unternehmen wird mittlerweile gefacebooked. Ein weiteres Problem: Häufig werden zwischen Pärchen intime Fotos ausgetauscht. Beziehungen halten in dem Alter häufig nicht sehr lange. Nach sechs bis acht Wochen gehen die Paare auseinander, und dann wird Schindluder mit den Fotos getrieben. Sie landen, manchmal aus Rache, im Internet – um dem Anderen eins auszuwischen. Zumeist werden die Betroffenen beschimpft und verunglimpft. Und dann tauchen die Bilder ganz woanders auf.

 

Es fällt auf, dass in Soaps und Spielfilmen Sexualität und äußerliche Perfektion immer präsenter werden. Welche Rolle spielen die Medien bei der Entwicklung von Persönlichkeiten ?
Das ist richtig. Meiner Meinung nach findet eine Übersexualisierung der Gesellschaft statt. Dabei sind die Darstellungen verzerrt. Ich denke da an die Talent-Shows wie beispielsweise die Suche nach Super-Models. Das hat in erster Linie etwas damit zu tun, dass etwas schön sein muss. Und die Medien befördern ein Schönheitsideal entsprechend. Das wiederum spielt eine besondere Rolle bei jungen Menschen in der Pubertät, also zwischen 12 und 20 Jahren, die sich in der Phase der Persönlichkeitsbildung befinden. Später stehen andere Dinge im Vordergrund. Menschen mit Benachteiligungen und Lern-Defiziten sind ebenfalls betroffen. Sie alle sind mit dem Thema Sexualität sehr früh unterwegs. Das ist für die persönliche Entwicklung gut, birgt aber auch Risiken. Das Leben findet heute zum großen Teil im Netz statt.

Die Landesarbeitsgemeinschaft setzt mit ihrer Aktion „Think before you post“ auf die Sensibilisierung der jungen Menschen und hofft auch auf Multiplikatoren.Werden sie unterstützt?
Ja, ich habe überall, auch an den Schulen, um Unterstützung geworben und bereits positive Rückmeldungen von Holger Karde, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Leck, von Susanne Kunsmann vom evangelischen Kinder- und Jugendbüro, von Frank Sauer von der Mobilen Jugendarbeit und Marie Wilke vom Kulturbüro der Stadt sowie anderen erhalten. Es ist wichtig, denn beim Sexting handelt es sich um ein Thema, was nicht im normalen Unterrichtsalltag hochkommt. Wie wichtig es aber ist, darüber zu sprechen, zeigen die dramatischen Fälle. Ich warte nun ab, kann es nur als Angebot an den Schulbetrieb geben. Viel ist erreicht, wenn wir die Mädchen zum Nachdenken bewegen. Es geht nicht um einen Generalverdacht gegen Jungen und junge Männer, aber es sind Erfahrungswerte. Wichtig ist, gut aufzupassen, was man mit Fotos von sich macht.


Wie stehen Sie zum Internet ?
Ich bin kein ausgewiesener Technik-Freak, dennoch bin auch ich bei What’s app und Facebook. Das ist es ja. Wir machen alles mit. Alles hat sein Gutes, aber die Gefahren werden nicht von allen gesehen. Und: Was einmal im Netz steht, ist und bleibt drin.


Beispiele für Beratungsstellen: Sylke von Kamlah-Emmermann, Gleichstellungsbeauftrage und Mediatorin, Marktstraße 12, Telefon 04661/601431, E-Mail: gleichstellungsbeauftragte@amt-suedtondern.de; Kinderschutzzentrum Westküste: Schmiedestr.11, Tel. 04661/901966; Beratungs- und Behandlungszentrum/Diakonisches Werk: 8 bis17 Uhr, Westerlandstr. 3, Tel. 04661/96590; Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Tel. 0800/0116016 (kostenfrei, 365 Tage erreichbar).

 

Der Wettbewerb: Alle Infos

Die Schülerinnen und Schüler sowie  alle Jugendlichen haben bis Ende des Jahres Zeit, einen kurzen Videoclip zum Thema zu drehen. Um möglichst viele Jugendliche zu erreichen, wünschen sich die Initiatoren  eine Weitergabe der Ausschreibung zum Wettbewerb in den Schulen, in Mädchentreffs und Jugendtreffs, in Mehrgenerationenhäusern und Kirchengemeinden (Jugend- und Konfirmandengruppen), in Sportvereinen und allen Vereinen, in denen Jugendliche zusammenkommen. Auch Einrichtungen der Lebenshilfe oder andere freie Träger der Behindertenhilfe sollen sich gerne beteiligen und alle weiteren Einrichtungen vor Ort, die mit Jugendlichen zu tun haben. Einsendeschluss ist der 31. Dezember 2014. Es gilt das Datum des Poststempels. Der Wettbewerbsbeitrag wird auf DVD oder USB-Stick per Post gesendet an: Wiebke Tischler, Gleichstellungsbeauftragte, Amt Kellinghusen, Am Markt 7, 25548 Kellinghusen. Die Preisverleihung ist im Februar 2015.




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