Asylpolitik : Eingeschränktes Willkommen

Neukirchens Bürgermeister Peter Ewaldsen plant, in seiner Gemeinde Platz für Flüchtlinge zu schaffen – für Familien, nicht für junge Männer

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25. Juli 2015, 05:00 Uhr

Mit seiner Idee ist er nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden. Bis nach Berlin ist Peter Ewaldsen schon gereist, um seine Plänen vorzustellen. Er hat Briefe geschrieben, immer wieder Politiker kontaktiert, aber Antworten blieben bislang aus. Dabei besteht für das, was Neukirchens Bürgermeister möchte, eigentlich großer Bedarf: Ewaldsen will in seiner Gemeinde Platz für Flüchtlinge schaffen. Und Hilfesuchende aus Krisenländern gibt es derzeit bekanntlich mehr als genug.

Neukirchen gehört zu jenen Dörfern, die noch gut ausgestattet sind. Kaufmannsladen, Schule, Freibad, Gaststätten, medizinische Versorgung – all das ist vorhanden. Dennoch zählt die Gemeinde auch zu jenen Orten, bei denen sich der demographische Wandel schon deutlich zeigt. 1250 Einwohner sind es noch, 1500 waren es zu Spitzenzeiten. Und stetig werden es weniger.

Das aber könnte sich ändern, wenn Ewaldsens Bemühungen fruchten. Seine Idee ist simpel: Wo etwas wegfällt, muss etwas Neues dazukommen. Anfangs hatte er dabei noch Großes vor. Es gab die Vision, ein „Dorf im Dorf“ für Menschen aus Krisengebieten zu schaffen, um ihnen damit eine dauerhafte Bleibe zu geben. Neubauten waren vorgesehen, viel Geld hätte investiert werden müssen. Aufwand, der sich nur schwer realisieren lässt, weshalb Ewaldsen mittlerweile einen Gang runterschaltet. Vorerst soll dort, wo bereits bestehender Platz leer steht, Raum für Flüchtlinge entstehen. In Neukirchen gebe es genügend Bürger, die in einem zu großen Haus leben, weil die Kinder längst schon aus dem Haus seien oder der Lebenspartner bereits verstorben sei. Derartige Räumlichkeiten könnten diese Neukirchener dann als Bleibe für Neuankömmlinge anbieten.

Peter Ewaldsen wird dann aber noch konkreter, denn der Bürgermeister macht keinen Hehl daraus, dass nicht jeder in Neukirchen gleich willkommen ist. Er hat es auf Flüchtlingsfamilien – also Vater, Mutter, Kind – abgesehen. Nur in ihnen stecke Potenzial. „Wir müssen sie betreuen, sie auffangen und dann dafür sorgen, dass sie sich hier wohlfühlen und bleiben.“ 20 Familien mit vielleicht 100 Kindern: Das ist es, was ihm vorschwebt – aus humanitären Gründen, wie er sagt, und aus Selbstzweck. Denn mit Familien sei Integration möglich. Bestenfalls geht der Vater später zur Freiwilligen Feuerwehr, die Ehefrau engagiert sich im Dorfleben, und der Nachwuchs sorgt dafür, dass in Neukirchens Schule die Klassengrößen nicht noch weiter schrumpfen.

Junge Männer hingegen will die Gemeinde nicht. „Die können wir hier nicht gebrauchen“, sagt Ewaldsen, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Die seien schließlich nur übergangsweise vor Ort und damit keine Neukirchener in spe. Ablehnung, die eine Ursache hat: Ewaldsens Gemeinde ist ein gebranntes Kind. In den 90-er Jahren kamen schon einmal Flüchtlinge und Asylsuchende. 40 Männer, die meisten Iraker, Polen und Syrier, wurden im ehemaligen Hesbüller Krug untergebracht. Und dann ging damals im Grunde alles schief, was nur schiefgehen konnte. Den Männer fehlte Beschäftigung. Langeweile kam auf, Frust entstand. Sie klauten, stritten und schlugen sich. Mehrmals musste die Polizei anrücken. Nach einem halben Jahr zogen die Fremden dann aus. Das Haus war nahezu unbewohnbar und die Gemeinde froh, die jungen Männer endlich wieder los zu sein.

Diesmal also will Neukirchens Bürgermeister die Familien. Immer wieder ist im Gespräch von „Rosinen rauspicken“ die Rede, auch wenn Ewaldsen der Vergleich eigentlich missfällt. Er mag lieber von einer „Win-Win-Situation“ sprechen, bei der beide Parteien gewinnen: die Familien, denen sich eine neue Heimat bietet, und die Gemeinde, die sich mit dem Zuzug langfristig am Leben erhält. Sei bei den Flüchtlingen beispielsweise ein Arzt dabei, dann habe dieser im Ort auch gleich eine Beschäftigung in Aussicht. Jeder könne sicher etwas, was gebraucht werde.

„Wir würden unser Haus nicht für sieben ausgewachsene Männer zur Verfügung stellen“, sagt der Neukirchener Thomas Blanarsch, der zu denen gehört, die Platz für Flüchtlinge hätten und viel von der Idee halten. „Das bringt nichts. Die sind nur auf der Durchreise. Wir wollen ein schönes Zuhause für Familien schaffen, uns um sie kümmern, damit sie dann auch blieben.“ Und er ergänzt: „Ich war in Hamburg im Stadium, da haben sie die Container übereinander gestapelt, die Flüchtlingskinder sammeln leere Flaschen und stehen da mit ihren Tüten, in die die Fußballfans dann die Bierdosen mit Pfand reinwerfen. Das ist keine Integration“, sagt er. Man müsse den Neuankömmlingen hingegen möglichst schnell Deutsch beibringen, mit ihnen Aktivitäten unternehmen und ihnen eine Perspektive bieten. „Das ist das, wovon wir reden. Irgendjemand muss nur den Anfang machen.“ Für die Win-Win-Situation mit den Rosinen.

Aber auch auf Widerstand werde Neukirchens Bürgermeister mit seinen Plänen gewiss stoßen. Das tue er ja bereits im Bekanntenkreis. „Wenn du die Flüchtlinge nimmst, musst du auch eine Moschee bauen“, habe Ewaldsen schon zu hören bekommen. Dennoch werde das Gros der Neukirchener sich multikulturell zeigen. Schließlich hat ein Drittel der Dörfler selbst Flüchtlingswurzeln. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen viele Vertriebene ins Dorf.

Sammelunterkünfte, überfüllte Turnhallen – das alles biete Ewaldsens Meinung nach Zündstoff. Der ländliche, beschauliche Raum sei dagegen die richtige Alternative. Und sowieso: Die Zahl der Hilfesuchenden weltweit werde zunehmen.

Wohin mit all den Flüchtlingen? Ewaldsen will keine vorgesetzt bekommen, was sonst früher oder später geschehen würde, sondern selbst auswählen. „Solange wir das noch können.“ Und Neukirchens Bürgermeister hat sich nun einmal allein für die Familien entscheiden. Alles sei schließlich besser, als gar nichts zu tun.

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