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Nordfriesland Tageblatt

16. Dezember 2017 | 05:04 Uhr

„Einen Hitler brauchen wir nie wieder“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Geschichtsverein zieht positives Fazit zur Halbzeit der Ausstellung „Niebüll im Nationalsozialismus“, die noch bis zum 3. Mai zu sehen ist

von
erstellt am 16.Apr.2015 | 13:27 Uhr

Die Ausstellung Niebüll im Nationalsozialismus im Richard-Haizmann-Museum ist nach Ansicht der Hauptprotagonisten, Beate und Wolfgang Jandt, bereits jetzt als Erfolg zu werten. „Mehr als 1500 Besucher waren da“, berichtet das Ehepaar, das selbst regelmäßig vor Ort ist, um auf Fragen einzugehen. Der Austausch mit den Besuchern ist ein wesentliches Moment. „Wir erleben es, dass Familienmitglieder froh sind, dass keine Namen erwähnt sind“, so Beate Jandt. Sie sieht sich damit bestätigt, nicht anklagen zu wollen, sondern nur zu dokumentieren, wie es zur Zeiten der NS-Diktatur damals in Niebüll zuging.

Gleichwohl habe sie sich daran gehalten, Namen der Funktionsträger zu nennen, auch wenn dies den Angehörigen missfällt. „Hättet ihr nicht noch eine Generation warten können“, habe es geheißen. „Doch dann wäre es zu spät gewesen,“ sagt Beate Jandt, die das Projekt seit über zehn Jahren verfolgt. „Wir wollten es jetzt machen, es wäre sonst aufgrund des Lebensalters der Zeitzeugen zu spät gewesen.“

Die starke Resonanz belegt den Erfolg. Viele hätten sich seit Jahrzehnten gefragt, wie es seinerzeit in Niebüll ausgesehen habe. „Jahrelang wurde verharmlost oder verdrängt. Man sagte: In Niebüll sei nichts los gewesen“, so Wolfgang Jandt. Anhand der Fotos könne man nun erkennen, dass in Niebüll „durchaus etwas losgewesen ist“. Bewusst habe man sich jedoch einer Kommentierung oder Bewertung enthalten. „Wir wollten im Bild zeigen, wie es damals war.“ Die Kritik, es fehle an der notwendigen historischen Einführung und Einordnung, schlägt sich im Gästebuch nieder. „Was waren die Ursachen und Hintergründe?“, „Was wurde aus den Tätern?“, „Gab es Widerstand?“, „Wer wurde zum Opfer?“, schreibt eine Familie.

„Wir sehen die Ausstellung als Teil des Gesamtprojekts“, entgegnet Beate Jandt und verweist auf das Buch „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Wolfgang Raloff, das bereits über 700 Käufer fand. Hier erfährt der Leser detailliert Fakten und eine Chronologie der Ereignisse. Zum Projekt gehört aber auch das Buch „Lebensbilder“ (Zeitzeugen berichten), zusammengestellt von Beate und Wolfgang Jandt.

Wolfgang Jandt hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schulklassen durch die Ausstellung zu führen. Als Geschichtslehrer hat er Fragebögen vorbereitet. Überzeugen könnten jedoch vor allem die Fotos. „Die Jugendlichen erkennen anhand der Bilder, dass es in der Diktatur keine Freiheit gab, damals die Kinder ab dem zehnten Lebensjahr in das NS-System gezwängt wurden.“ Schüler und Auszubildende sind beeindruckt von den Aufmärschen, den Uniformen und den Barackenlagern vor Ort. „Einen Hitler brauchen wir nie wieder“, meinen sie.

Das Ziel, geschichtliches Interesse für das finstere Kapitel deutscher Geschichte zu wecken, ist geglückt. „Besucher kommen von überall her, reisen extra an“, berichtet das engagierte Ehepaar. So auch Rolf Boje, Sohn des Ritterkreuzträgers Johannes Boje, der 1944 Niebüll besuchte. Der 1934 geborene Ostpreuße hat seinen Vater nur auf Heimatbesuchen von der Front erlebt. Johannes Boje wurde am 23. Juni 1901 in Niebüll geboren, trat in die Reichswehr ein und kam über die Hamburger Landespolizei in die Wehrmacht. Sein Besuch in Niebüll wurde in der Presse gefeiert und propagandistisch ausgeschlachtet. „Zwei Monate später ist mein Vater gefallen“, so Rolf Boje, der darüber sinniert, was den Vater angetrieben hat. „Nazi war er nicht, wollte er das Vaterland vor den ,russischen Barbaren‘ retten?“ Fragen über Fragen, die nicht mehr beantwortet werden können.

„Wie konnte es geschehen? Was können wir tun, damit es nicht wieder geschieht?“ Diese Kernfragen bewegen nahezu alle Besucher der Ausstellung, die nur noch bis zum 3. Mai läuft.

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