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Nordfriesland Tageblatt

16. August 2017 | 15:27 Uhr

Computerspiel : Eine Ur-Oma fliegt davon

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Jet statt Stricknadel: Eine 90-Jährige in Nordfriesland hat sich mit einer Flugsimulation einen Herzenswunsch erfüllt. Irgendwann möchte Ur-Oma Owen mit einem Militärflugzeug auf einem Flugzeugträger landen.

Leck | Üblicherweise müssen sich ältere Jubilare über Dinge wie Leselupen, Heizdecken oder Lammfellpuschen zu ihren Festtagen freuen. Die 90-jährige Anita Owen aus Klintum aber hat von ihrer Familie ein Geburtstagsgeschenk bekommen, das eigentlich eher die Herzen jüngerer Männer höher schlagen lässt. Hübsch eingepackt fand sich eine hochmoderne PC-Ausrüstung für Simulationsflüge auf dem Gabentisch. Fußpedale, Steuerhorn, Boxen, Software, alles war mit dabei, was die kleine 1,60-Meter-Frau, die ihr Leben lang gern und viel als Passagier mit dem Flugzeug reiste, benötigt, um künftig vom heimischen Esstisch aus selbst durchzustarten und abzuheben. Pilotin mit 90, für Ur-Oma Anita Owen eine Herzensangelegenheit.

Wer die Klintumerin im Kreis Nordfriesland kennt, die trotz ihres hohen Alters immer noch eine Pension betreibt, weiß, dass solch ein ungewöhnliches Präsent durchaus zu ihr passt. Denn Anita Owen, 1924 als Haverichter in Danzig geboren, war schon ihr Leben lang, was man heute gern eine „Power-Frau“ nennt. Sie kam rum, erlebte und durchlebte viel. Im Januar 1945 war es ihr Bauchgefühl, das ihr riet, die Wilhelm Gustloff wieder zu verlassen und an Bord eines Torpedoboots zu gehen. So überlebte sie, während 9000 andere mit dem Schiff untergingen. Sie gelangte nach Flensburg, verliebte sich in einen englischen Soldaten und folgte ihm in sein Heimatland. Das Paar lebte in Liverpool, direkt neben Paul McCartney. Als Verkaufsleiterin für ein Mode-Label reiste Anita Owen etliche tausend Kilometer pro Jahr durchs Land. Später führte sie mit ihrem Mann in Schottland ein Hotel, musste es jedoch aufgeben. Um ihre Mutter zu pflegen, zog sie 1977 schließlich nach Südtondern. Dort öffnete sie Anfang der 80er Jahre ihre Pension.

Die Hände in den Schoss gelegt habe sie nie. „Ich brauche immer etwas zu tun und interessiere mich für alles Neue“, sagt sie. Mit Computern war sie immer schon vertraut, denn ihr Ehemann Freddy gab Schulungen an damals noch zimmergroßen Computern. „Meine Mutter ist nicht so wie andere in ihrem Alter“, sagt Sohn Frank Owen. Sie habe ungewöhnlich viel Energie. Aus diesem Grund wird auch derzeit das Büro der älteren Dame grundlegend renoviert. „Lohnt sich das denn noch?“, habe eine Verkäuferin in einem Elektrogeschäft den Sohn gefragt. „Soll sie denn sitzen und auf ihren Tod warten“, hatte sich ihr Sohn nur gedacht.

Bis das Büro fertig ist, steht der neue Computer der älteren Dame noch im Anbau. Der PC ist eigens für Anita Owen zusammengestellt. Schneller Rechner, großer Bildschirm – Hightech auf dem rustikalen Eichentisch. Wenn der Trubel nach ihrem 90sten Geburtstag etwas nachgelassen hat, will sich die Klintumerin mit ihrer neuen Errungenschaft auseinandersetzen. Landeklappen auf Full, Sidestick nach vorn, Fahrgestell raus. Lima, Hotel, One, Two, Three. Clearance for Landing: Das virtuelle Cockpit ist bis ins kleinste Detail den Originalflugzeugen nachempfunden. Ob Cessna, Learjet, Jumbo – Ur-Oma Anita Owen hat die Wahl, mit welchen Flugzeugtypen sie zu welchen Flughäfen fliegen möchte. Ob bei Nacht oder am Tag, im Schnee oder bei Regen. „Ich muss mich damit aber erst einmal zurechtfinden“, sagt sie gelassen. „So kommt man auf andere Gedanken.“

Wäre dafür nicht auch Stricken oder Sudoku gut? Nein, das sei nichts für sie. Lieber fliege sie virtuell nach Paris, wohin sie in der 60er Jahren, als Flüge noch günstig waren, auch mal mit Gatte Freddy für einen Vormittag nur zum Frühstücken flog. Nach Nizza, wo ihr Sohn lebt. Oder London, zu den Enkeln. Und sind die ersten Flüge glücklich verlaufen, dann hat die Nordfriesin noch einen ganz speziellen Herzenswunsch.

Ur-Oma Owen möchte mit einem Militärflugzeug auf einem Flugzeugträger landen. „Fragen Sie mich nicht, warum“, sagt sie, ohne weiter darauf einzugehen. Bis dahin sind aber noch einige Flugstunden zu machen, Bruchlandungen zu überstehen. Alfa, Bravo, Two, Five, Nine. Clearance for Take-off. „Ich fühle mich nicht wie 90“, so die rüstige Jubilarin. „Was soll ich machen?“

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von
erstellt am 12.Feb.2014 | 12:35 Uhr

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