Die große Flut 1962 : Eine Hallig-Familie kämpft um ihr Leben

In der Aussparung auf dem Heulager (l.) überlebt Hauke Petersen mit seiner Frau und seinem Sohn die Flut. Rechts steht der Stall, der Wohntrakt ist völlig zerstört. Foto: Sammlung Kühnast
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In der Aussparung auf dem Heulager (l.) überlebt Hauke Petersen mit seiner Frau und seinem Sohn die Flut. Rechts steht der Stall, der Wohntrakt ist völlig zerstört. Foto: Sammlung Kühnast

Die große Sturmflut 1962 auf der Hallig Langeneß: Ein Heulager dient als letzte Zuflucht für die Eheleute Petersen und ihren kleinen Sohn.

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07. Februar 2012, 08:07 Uhr

Langeneß | Hauke Petersen holt die kleine Flasche Likör aus dem Keller. Die Weckgläser mit Fleisch und anderem Einmach-Gut hat der Mann von der Neu-Peterswarft bereits in die Küche getragen und auf den Tisch gestellt. Als er die Flasche absetzt, sagt er zu seiner Frau: "Das wird heute Nacht noch unser Tröster werden."
Am Mittag des 16. Februar läuft das Wasser nicht mehr ab. Das Niedrigwasser steht in der Nordmarsch, dem westlichen Teil der Hallig Langeneß, so hoch wie in den Stunden der ablaufenden Flut. Hauke Petersen ahnt Schlimmes. Er hat in Kappeln Bootsbauer gelernt, bevor er als Steuermann die Meere befuhr und Anfang 1961 mit seiner Frau auf die Hallig zog. Jetzt überlegt er nicht lange, handelt.
Plötzlich bricht die Decke ein
Bis zum Abend bringt das Ehepaar seine Möbel und beweglichen Güter auf den Hausboden. Ihr Sohn Bernd, gerade ein Dreivierteljahr alt, liegt warm und wetterfest eingepackt in seinen Kissen. Während Regina Petersen erneut zum Dachboden hinaufsteigt, geht ihr Mann ins Schlafzimmer, in der Nordwestecke des Hauses gelegen.
In dem kleinen Schlafraum geht er zum Kleiderschrank, greift hinauf, um die dort verwahrten Boots-Baupläne zu holen. In diesem Moment drücken die Wassermassen die Hausecke ins Zimmer. Lehm, Erde, Steine spülen ihm vor die Füße. Im Nu steht der junge Vater bis über die Hüften im Wasser. Die Tür mit den Kassettenfächern lässt sich nicht mehr öffnen, Erde und Geröll haben sich davor geschoben. "In dem Moment habe ich dann doch ein wenig Angst bekommen", sagt Petersen. Er tritt die Tür ein und flieht durch das Loch. Das Wasser folgt ihm. Es flutet den Flur, es flutet das Wohnzimmer. Innenwände fallen nach und nach um. Kaum durch die Schlafzimmertür gezwängt, ruft Hauke Petersen nach seiner Frau. Sie soll sich mit Sohn Bernd auf dem Arm nicht von der Treppe rühren.
Dach hält nicht mehr lange durch
Die Ereignisse spitzen sich zu: Gegen 22 Uhr läuft der Feting, in dem auf der Warft Regenwasser gesammelt wird, voll. Nicht viel später erreicht die Nordsee auch die Pumpvorrichtung am Haus. Der Scheitelpunkt der Flut soll um erst 1 Uhr nachts erreicht sein.
Dem Familienvater ist klar: Ohne Wände hält das Dach nicht lange durch. Damit scheidet der Boden als Rückzugsort aus. Wohin jetzt? Hauke Petersen hat bei anderen Fluten beobachtet, dass die hohen Heulager im Hof Fluten recht lange standhalten. Erst wenn sie zu gut Zweidritteln im Wasser stehen, tragen die Wogen sie mit fort.
Wie sollen sie zum Heudiemen gelangen?
Das könnte die Rettung sein: Sie müssen auf den Heudiemen hinauf. Der aber steht zwölf Meter vom Haus entfernt. Der Orkan dröhnt und die Nordsee schickt ihre Wogen gefährlich hoch über die Warft. Wie sollen sie zum Heudiemen gelangen?
Hauke Petersen bindet seine Frau, die in beinhohen Gummistiefeln ihres Mannes steckt, an der Pumpe fest, nimmt ihr Sohn Bernd ab und kämpft sich zum Heudiemen durch. Da oben gibt es eine große Aussparung, da er in den vergangenen Wochen das erste Heu für die Tiere heruntergeholt hat. Dort hinauf wirft Hauke Petersen seinen Sohn. Dann wendet er sich seiner Frau zu. Sie zögert. Ihr Mann drängt sie mit Rufen und Gesten. Aber der Sturm reißt jede Silbe ihrer Schreie fort. Die meisten Gesten verschluckt die Dunkelheit. Irgendwann überwindet sich Regina Petersen, erreicht schließlich das Heupodest. Bei seinem Sohn angekommen reicht Hauke Petersen seiner Frau die Hand aus zwei Metern Höhe hinunter. Regina Petersen hat Schwierigkeiten, sie zu fassen. Endlich ergreift er ihr Handgelenk, doch seine Frau schwingt mit den Wogen hin und her. Verzweifelt hält er sie fest, greift nach und kann sie endlich zu sich nach oben ziehen.
"Die Kühe standen ganz still"
"Anderthalb Stunden saßen wir dort bestimmt, bis wir wieder hinunter konnten", sagt Petersen. Die Familie erreicht schließlich den Stall, in dem ihre Tiere auf wunderbare Weise überlebt haben. "Die Kühe standen ganz still." Die Eheleute legen ihren Sohn zwischen die Tiere. Hauke Petersen sucht noch einmal den Weg in die verwüstete Küche. Mit dem Likör in der Tasche kehrt er zu Frau und Kind in den Stall zurück.
Vor sechs Jahren - damals war seine Frau gerade erst gestorben - zog Hauke Petersen das erste Mal den Winter über aufs Festland. "Das hätte ihr gefallen", sagt er, "meine Frau hat bei Sturm nie schlafen können."

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