Niebüll im Nationalsozialismus : „Eine betrogene Generation“

So sieht das Buchcover aus.
So sieht das Buchcover aus.

Das 480 Seiten dicke Taschenbuch „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“ wird am 15. Januar fertig sein

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30. Dezember 2014, 05:00 Uhr

Medientechnologe Steven Flachshaar steht an der Offsetdruckmaschine CPI Clausen & Bosse. Vor ihm liegt die Umschlagseite eines Taschenbuches. „Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“ ist in schwarzen Buchstaben zu lesen. Darunter: „Eine Dokumentation in Auszügen von Zeitungen“. Das Cover ist grau gehalten. Gestaltet hat es im Auftrag des Vereins für Niebüller Geschichte Dieter Duday, Datenmanagement/eBooks bei CPI Clausen & Bosse. Das historische Foto auf dem Umschlag zeigt eine Jugendgruppe bei einem Aufmarsch im Niebüll der 30er-Jahre, es ist mit Bedacht ausgewählt worden. „Eine ganze Generation von Jugendlichen ist betrogen worden“, erinnert Wolfgang Raloff und fügt nachdenklich hinzu: „Sie wurden nach dem 1. Weltkrieg geboren, in den 20er-Jahren erzogen, in Schulen manipuliert und ideologisiert, so dass sie begeistert in den Krieg zogen. Ihre Eltern und Lehrer hätten es besser wissen müssen.“

Für den zweiten Vorsitzenden des Vereins für Niebüller Geschichte ist der gemeinsame Ortstermin in dem Lecker Buchdruckunternehmen mit Beate Jandt und Olaf Klindt, Verkaufsleiter bei Clausen & Bosse, so etwas wie der Höhepunkt seiner dreijährigen Arbeit.

Im Oktober 2011 fängt alles an. Regelmäßig ist Raloff Gast im Kreisarchiv Husum, macht sich auf Spurensuche für das Vereinsprojekt. Hier lagern die auf Mikrofilm gespeicherten Ausgaben der damaligen Nordfriesischen Rundschau von 1930 bis 1937, später abgelöst durch Südtondernsche Zeitung, „sozusagen dem Parteiblatt der NSDAP“. 2013 gelingt es dem Geschichtsverein, einige Jahrgänge zu erwerben, Albert Panten stellt ein Mikrofilm-Lesegerät zur Verfügung, und Wolfgang Raloff kann im Geschichtsarchiv (Friedrich-Paulsen-Straße) weiterforschen. Er sichtet, spricht das Gelesene in ein Diktiergerät und schreibt anschließend das Wichtigste nieder. Das Zeitungen von damals sind Zeitzeugen, eine Dokumentation jener Jahre. „Es war das Einzige, was die Leute zu lesen hatten.“

Herausgekommen ist nun ein Buch, das auf 480 Seiten – exemplarisch für jede andere Gemeinde oder Stadt – den erstaunlich schnellen Aufstieg und das Ende des Nationalsozialismus in Niebüll zwischen 1930 bis 1945 aufzeigt – lediglich anhand von Zeitungsartikeln. „Wir veröffentlichen nur, was ohnehin öffentlich ist – oder das, was autorisiert ist“, sagt Wolfgang Raloff. Das Buch zeigt, wie die NSDAP selbst in der Provinz erstarkte, alle anderen Organisationen und Vereine gleichgeschaltet wurden. Lehrer, Ärzte, Beamte und Gewerbetreibende bildeten die Führungsriege, trugen Uniformen, übernahmen Funktionen in der Diktatur. Auch der damalige Schulleiter der Friedrich-Paulsen-Schule. „Jeder, der gut reden konnte, alle, die etwas zu sagen hatten oder meinten, etwas zu sagen zu haben“, ergänzt Beate Jandt.

Wolfgang Raloff war von 1985 bis 2006 Direktor am Friedrich-Paulsen-Gymnasium Niebüll. Entsetzt habe ihn eine Rede zur Verabschiedung der Abiturienten, die er in den Zeitungen gefunden hatte, gehalten von dem damaligen Schulleiter. „Es ist wichtig, dass jemand einmal offenlegt, welche Rolle eine Schule, die einen großen Namen hat, damals gespielt hat, wie Schüler indoktriniert wurden.“ Das gelte aber auch für alle anderen Schulen und deren Leiter, denn auch sie waren Teil des Systems. „Uns kamen immer wieder Zweifel darüber, ob wir Namen nennen sollten“, sagt Beate Jandt. „Wir haben uns Rat geholt, wie wir es handhaben sollen, und so haben wir es dann auch gemacht.“ Auf den 480 Seiten sind Leid und Schicksale dokumentiert, werden mehr als 1000 Namen genannt. Raloff: „Sie stammen aus den Todesanzeigen ab 1940/41 bis 1945. Ich habe während meiner Recherche irgendwann angefangen, sie zu notieren. Ach, dachte ich, die paar kannst Du mit nehmen. Doch es wurden immer mehr. Junge Menschen aus dem damaligen Kreis Südtondern, die im Alter zwischen 19 und 30 Jahren gefallen sind. Die Berichte in den Zeitungen von damals machen den Widerspruch und die Dramatik deutlich: heroische Schilderungen von Schlachten einerseits, die Todesanzeigen mit der unglaublichen Zahl von Gefallenen andererseits. „Am Ende waren nur noch die Trauer und das Entsetzen da“, sagt Wolfgang Raloff. Schilderungen wie „Er folgte seinem Bruder nach fünf Monaten“ haben ihn besonders bewegt. „Wenn man die Anzeigen genau liest, könnte man heulen.“

Wie wichtig seine Arbeit ist, zeigt die Tatsache, dass die Zeit des Nationalsozialismus im Raum Niebüll und Südtondern in Büchern gar nicht vorkomme oder häufig nur angekratzt werde. Beate Jandt, ehemalige Bürgervorsteherin Niebülls und Vorsitzende des Geschichtsvereins, hat es selbst erlebt: „In der Schule wurde im Unterricht 1928 aufgehört und dann beim „Alten Friedrich“ wieder angefangen.“ Wie wenig die Zeit aufgearbeitet ist, zeigt sich heute, fast 70 Jahre nach Kriegsende, auch in der teilweise unsicheren und zurückhaltenen, teils abwehrenden Haltung einiger Südtonderaner, wenn es um die Geschichte und die Rolle ihrer Vorfahren geht. Bereits 1998 war ein Versuch unternommen worden, sich dem Thema zu widmen – erfolglos. „Mit Wolfgang Raloff haben wir den richtigen Mann gefunden“, sagt Beate Jandt. Ermutigt wurden und werden die Mitglieder des Geschichtsvereins durch den Zuspruch, den sie erfahren haben. Raloff rechnet dennoch mit Problemen: „Es wird Reaktionen geben, aber das muss man aushalten.“

Und noch eine Gefahr ist ihm bewusst: „In Kapitel 2 haben wir Zitate aus Zeitungen unkommentiert in das Buch aufgenommen.“ Das berge natürlich die Gefahr, bei Rechtsradikalen ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen. „Davor habe ich am meisten Angst. Wir wollen abschrecken, nicht Begeisterung wecken.“ Doch er ist sich auch sicher: „Die Todesanzeigen relativieren den Text.“

„Niebüll in der Zeit des Nationalsozialismus“ will aufzeigen: So ist es vor 70 Jahren gewesen. Immer unter dem Vorsatz „Aufklären“. Und es will mahnen. „Die Menschenwürde ist so wichtig, das muss man deutlich machen. Und dazu ist dieses Buch hilfreich.“

Der Verein für Niebüller Geschichte ist unter Telefon 04661/4806, E-Mail: info@geschichtsverein-niebuell.de, zu erreichen. Im kommenden Jahr wird er übrigens 15 Jahre alt.

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