Ausstellung : Einblicke in Flüchtlings-Schicksale

Gestalteten die Vernissage: Raimo Alsen, Sona Shirvanya und David Kater.
Gestalteten die Vernissage: Raimo Alsen, Sona Shirvanya und David Kater.

„Eingeschlossen – Ausgeschlossen“: Eine neue Sonderausstellung spiegelt in Bild, Text und Ton Lebensgeschichten von Asylbewerbern wider

shz.de von
13. Juli 2015, 05:00 Uhr

„Eingeschlossen – Ausgeschlossen: Perspektiven geflüchteter Menschen auf die Warteschleife Asyl“: So heißt eine neue Sonderausstellung in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund. Eine Zur Vernissage im Dokumentenhaus ermunterte der Leiter der gastgebenden Gedenkstätte, Raimo Alsen, die Besucher, sich die ausgehängten Bild- und Texttafeln aufmerksam anzuschauen und auch die Lebensgeschichten der abgelichteten, in tristen Unterkünften für Asylsuchende lebenden Menschen per Kopfhörer anzuhören.

„Ich bin im vergangenen Jahr immer wieder mal mit Menschen zusammengekommen, die ihr gewohntes Leben und ihre Heimat unter Lebensgefahr verlassen mussten und es geschafft hatten, Deutschland zu erreichen“, sagte Ahlsen. Dabei habe er aus erster Hand erfahren, welch furchtbare Bilder viele von ihnen in ihrem Gedächtnis gespeichert hätten. „Zugleich wurde mir bewusst, mit welchen enormen bürokratischen und menschlichen Hindernissen sie als Asylbewerber konfrontiert sind.“

Es mache ihn traurig und wütend zugleich, so der Gedenkstättenleiter weiter, wenn in der Öffentlichkeit und den Medien von Flüchtlingen wie von Kriminellen gesprochen werde, als stellten sie eine Naturkatastrophe dar. Die Sonderausstellung solle durch das Zusammenspiel von Fotografien, Texten und Tonaufnahmen – quasi wie ein Guckloch – einen Einblick in das Schicksal einzelner Asylsuchender bieten. Sie lade den Betrachter ein, die eigene Sicht zu wechseln, auf geflüchtete Menschen zuzugehen und sich darum zu bemühen, ihre Perspektive (oder Perspektivlosigkeit) kennenzulernen.

Zusammenfassend gesagt, versuche die Sonderausstellung punktuell die Frage zu beantworten: „Wie gestalten Menschen ihr Leben, die aus ihrem Land fliehen mussten und voller Hoffnung erwarteten, in Deutschland als Menschen behandelt zu werden, hier jedoch ausgegrenzt wurden und unter oftmals demütigenden Bedingungen ohne Arbeit ihr Dasein fristen und auf die Entscheidung über ihren Asylantrag warten müssen?“

Für die angekündigte Referentin, die amtierende Flüchtlingsbeauftragte und Pastorin Dietlind Jochims, die ihren Vortrag über den „Schutzraum Kirchenasyl“ krankheitshalber absagen musste, sprang der Rechtsanwalt David Kater ein. Der Spezialist auf dem Gebiet des Asyl- und Ausländerrechts, erläuterte das im Land praktizierte Asylverfahren. Kater wies darauf hin, Schleswig-Holstein müsse im Verlaufe dieses Jahres nach dem „Königsberger Schlüssel“ voraussichtlich 20  000 Flüchtlinge (3,3 Prozent der bundesweit rund 600  000 erwarteten Asylsuchenden) aufnehmen. Dies stelle einen neuen Rekord dar. Das weit verbreitete Klischee vom Wirtschaftsflüchtling treffe in Wahrheit nur in den seltensten Fällen zu. Viel häufiger seien Angst vor kriegerischen Auseinandersetzungen und erlebte Grausamkeiten Anlässe, die Heimat zu verlassen.

Kurzfristig hatte sich zudem die in Flensburg studierende, aus Armenien geflüchtete Sona Shirvanyan bereit erklärt, über ihre am eigenen Leibe erlebte Abschiebung und ihre fragwürdigen persönlichen Erfahrungen im Umgang mit der deutschen Ausländerbehörde zu berichten. Die junge Frau konnte mit Hilfe der Deutschen Botschaft nach einer Sperrfrist und Begleichung aller durch ihre Auffindung, Abschiebehaft und ihren Heimflug verursachten Kosten nach Flensburg zurückkehren und ist inzwischen mit einem Deutschen verheiratet. Der mündliche Bericht der Sona Shirvanyan, die trotz eines deutschen Schulabschlusses und einwandfreier Integration zur „zwangsweisen Durchsetzung der Ausreisepflicht“ abgeschoben wurde, beeindruckte die Gemüter ihrer Zuhörer stärker als alle ausgehängten Bilder und Texte.


Die Ausstellung wird noch bis zum 18. August zu sehen sein und ist bis dahin jeweils vom Dienstag bis Donnerstag von 10 Uhr bis 16 Uhr sowie am Sonnabend und Sonntag von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Außerdem können Sondertermine individuell vereinbart werden.




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