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Nordfriesland Tageblatt

21. Oktober 2017 | 22:15 Uhr

Ein Wiedersehen nach 33 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Liebe, Älterwerden und Alltagsbegebenheiten: Heinz Rudolf Kunze rockte mit Liedern aus dreieinhalb Jahrzehnten die Stadthalle

von
erstellt am 11.Dez.2016 | 14:22 Uhr

Standing Ovations, Beifall ohne Ende: Heinz Rudolf Kunze begeisterte das Publikum in der ausverkauften Niebüller Stadthalle. Zweieinhalb Stunden ohne Pause gefüllt mit Liedern aus dreieinhalb Jahrzehnten, darunter auch weniger bekannte Songs. „Es ist ein Wunder“ sagte Heinz Rudolf Kunze hinterher, „ das Konzert war so wunderbar, dass ich wieder gesundet bin.“ Zuvor hatte der Rockpoet noch in Leck Station gemacht, um sich Erkältungsmedizin zu holen. Die brauchte er nun nicht mehr, zumal er in seiner Unterkunft liebevoll umsorgt wurde. Die Fans, die nach dem Auftritt auf den Liedermacher gewartet hatten, wurden nicht enttäuscht; es gab einen kurzen Schnack und Autogramme. An das Konzert vor 33 Jahren konnte sich der Liedermacher jedoch nicht erinnern. „Ist zu lange her!“

Heinz Rudolf Kunze wurde bereits mit viel Beifall begrüßt. Sein Eingeständnis, mit 60 Jahren nicht mehr der Jüngste zu sein, aber dennoch nicht aufzugeben, zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Er, den man einst den „Niedermacher“ nannte, versprühte viel positive Energie. Es geht um die Liebe, das Älterwerden und Alltagsbegebenheiten. Der Mann aus Espelkamp ermahnte seine Zuhörer, Gutes zu tun – da ist er, der Pädagogensohn, mit zweitem Staatsexamen dann doch ganz Lehrer. Musikalisch blieben keine Wünsche offen, Heinz Rudolf Kunze war brillant auf der Gitarre, noch besser allerdings am Flügel. Das Tastenspiel passte exakt zu den prägnanten Texten, gab ihnen Dramatik oder Zärtlichkeit.

Die Texte hatten es nach wie vor in sich. Manche sind älter, haben aber enormen Pfeffer, sind hochpolitisch. Seine Erklärung: Die Songs sind aus dem Jahr 1981. Die Plattenfirma hätte ihn damals gefragt, ob man seinem Album nicht Strick und Revolver beilegen sollte. Es war das Debütalbum „Reine Nervensache“!

Auch beim Konzert zeigte sich Heinz Rudolf Kunze als ein Meister der geschliffenen, oft überraschenden Formulierungen, er erzählte skurrile Begebenheiten, baute Sprachspielereien und literarische Referenzen ein – er wollte zum Nachdenken anregen. Das funktionierte, ohne dass der Abend zum Volkshochschulkurs wurde. Es war ein Vergnügen, ihm bei seinem Ritt durch die Zeitgeschichte zu begleiten.
Der Musiker hat sich vom Deutschrocker zum Chansonssänger weiterentwickelt – und ist sich doch treu geblieben. Politik bleibt sein Thema, er spricht sich entscheiden gegen Pegida und Neonazis aus. Er warnt vor einem Recall des 2. Weltkriegs, fordert vehement Empathie und meint Moral sei heute wohl etwas Peinliches. Heinz Rudolf Kunze kann nörgeln, bekennt sich zur schlechten Laune, die ihn umtreibt und findet immer wieder den Weg zurück zu bezaubernden Liebesliedern. Seine Geschichten über Stars, die alle John mit Vornamen heißen oder seine Leselampe, deren Birne er nicht ersetzt, amüsierten das sehr geneigte Publikum. Wenn auch manchmal ein „Früher war alles besser“ durchklang, der „rockende Dichter und Denker“ kann es: Mit „In Der Alten Piccardie“ kam seine Könnerschaft wie in den besten Tagen zum Tragen. Ein charmantes und sentimentales Lied, das von seinen ersten zwei Jahre an der Schule an der niederländischen Grenze erzählt. Eine nostalgische und autobiografische Erinnerung an die Jugend: Ich war noch ein Kind und die Kindheit war schön: Es tat gut, morgens mit auf die Felder zu gehen. Abends trieb ich die Kühe zurück in den Stall. Es war wie eine Zeit vor dem Sündenfall.

Die Zuschauer hingen gebannt an seinen Lippen, gingen mit und feierten den Star. Seine großen Hits kamen am Ende des fabelhaften Konzertabends. „Dein ist mein ganzes Herz“ konnten fast alle mitsingen – es ist auch nach 30 Jahren sein Meisterwerk: mit ganz eigenem Sprachstil und einem faszinierendem Spiel mit Redewendungen und gängigen Metaphern. Zum Schluss riss es alle von den Sitzen, tosender Beifall und lautes Trampeln von den Tribünen. „Im Norden hatte ich eigentlich nie Schwierigkeiten“, schmunzelte ein sichtlich zufriedener Kunze hinter der Bühne – und freute sich auf sein Bett in Bahnhofsnähe.

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