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Nordfriesland Tageblatt

21. Oktober 2017 | 04:09 Uhr

Ein Statistiker auf einsamem Posten

vom

Der Euro ist ein "Teuro"? Wer das behauptet, dem beweist Jörg Christiansen aus Ladelund gern das Gegenteil

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Ladelund | Jörg Christiansen bezeichnet sich selbst nicht als akribischen oder peniblen Menschen. Er ist niemand, der seine Bücher alphabetisch ordnet oder das Werkzeug in der Garage nummeriert. Und dennoch gibt es etwas, bei dem es der 43-Jährige sehr genau nimmt. Es sind die Marktpreise, die es dem Ladelunder angetan haben. Salopp formuliert, wollte er der Frage auf den Grund gehen, ob das übliche Gejammer der Bürger seine Berechtigung hat. Stimmt es etwa, dass - abgesehen von Schwankungen - seit der Einführung des Euro die Lebenshaltungskosten stark gestiegen sind? War früher wirklich alles viel günstiger?

Um Antworten zu finden, sammelt Christiansen alte Rechnungen, Kataloge und Prospekte. In einem DIN-A4-Ordner befinden sich Wurfsendungen aus drei Jahrzehnten, alte Eiskarten, Getränkelisten oder Tank-Quittungen - allesamt mit DM-Preisen.

Auf den Belegen hat er Angebote markiert und ein Fazit gezogen. "Und ich bin zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen", sagt er, ohne dieses jedoch vorwegzunehmen. Lieber testet er erst das Einschätzungsvermögen seines Gegenübers. Wie viel D-Mark hat wohl der Kaffee bei Aldi 1985 gekostet? Und wie viel kostet er heute? Was musste man für 200 Gramm Kochschinken zahlen? Und welche Summe jetzt? Jörg Christiansen klingt nicht wie ein Schulmeister, wenn er die Auflösung gibt. Man merkt ihm dennoch an, dass er die Fakten öfter nennt: Kaffee: 9,45 DM, heute 3,49 Euro; Schinken: 3,15 DM, nun 1,19 Euro.

Es komme nur selten vor, dass jemand mit seinen Einschätzungen richtig liege. Das Gedächtnis des Menschen sei trügerisch. Das Vergangene werde gern glorifiziert, ist sich Jörg Christiansen sicher. Der Euro werde zum "Teuro" gemacht. "Auch wenn die Statistiken dies für die meisten Bereiche widerlegen."

Dennoch wird der Familienvater nicht müde, Freunde und Bekannte immer wieder auf die Probe zu stellen. Was kostete die Zahnpasta Theramed 1989? (2,39 DM) Was 22 Jahre später (99 Cent)? "Ich könnte denen die Preise 30 Mal zeigen", sagt er, "und doch bleiben die Leute bei ihrer Meinung." Und reagieren auf seine Beharrlichkeit übrigens recht unterschiedlich. "Von interessiert bis genervt", amüsiert sich der Ladelunder.

Ob Mieten, Kindergeld, Arbeitslohn und Inflationsrate, Christiansen vergleicht Daten, bilanziert und kommt stets zum selben Ergebnis. "Entscheidend ist, wie lange jemand früher und heute arbeiten musste/muss, um sich etwas Bestimmtes zu kaufen. Und im Verhältnis kommt der Euro dabei recht gut weg", lautet das Resümee des Ladelunders. Dennoch stößt er immer wieder auf Gegenargumente. "Beispielsweise heißt es oft, dass der Einkaufswagen früher beim Wocheneinkauf randvoll war, während der Wagen heute nur zu Hälfte gefüllt ist", erzählt Christiansen, der in einem deutsch-dänischen Grenzhandel arbeitet. "Stimmt auch", sagt er. "Das liegt aber schlichtweg daran, dass die Einkaufswagen inzwischen größer sind." Deshalb stört ihn das Gerede vom Teuro auch derart. Und deshalb sammelt er in seinem Ordner weiterhin die Fakten schwarz auf weiß.

Doch der Ladelunder mit dem Faible für Statistiken kennt allzu gut das eigentliche Problem mit dem Teuro-Mythos und den Marktpreisen. Christiansen: "Im Grunde will das niemand so genau wissen. Viele Leute mögen es einfach, zu jammern."

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