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Hieronymustag in Niebüll : Ein Meister der wohlgesetzten Worte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Niebüll auf Augenhöhe mit New York: Am Hieronymustag faszinierte Friedhelm Rathjen in der Stadbücherei mit einer Live-Übersetzung

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2014 | 05:00 Uhr

Der laue Dienstagabend bekam ein spätes Glanzlicht: Büchereileiter Ronald Steiner strahlte während der Begrüßung wie selten zuvor: „Wir sind zum internationalen Tag der Übersetzer, dem Hieronymustag, in aller Munde, wie zum Beispiel London, Peking, Mexiko City … und eben hier Niebüll.“ Weltweit in allen Goethe-Instituten und in weiteren bundesdeutschen Städten waren „Gläserne Übersetzer“ zumeist in Bibliotheken präsent. Der Verein Weltlesebühne hatte sich mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung zum Ziel gesetzt, Literaturübersetzern ein Forum zu bieten, denen, die im Verborgenen arbeiten, einmal öffentlich vorzustellen, ihre Arbeitsweise live vorzuführen. Süd(tondern) liegt da ganz vorn. Der Zufall will es nämlich, dass Friedhelm Rathjen aus Südwesthörn als Übersetzer von James Joyce, Samuel Beckett, Herman Melville und Mark Twain eine ganz große Nummer ist. „Er ist der Beste!“ freute sich Ronald Steiner.

Damit nicht genug: Nebenan in Tondern lebt Marieke Heimburger, eine eingebürgerte Hessin, die unter anderem Jussi Adler-Ohlsen übersetzt. Sie hat nicht nur bundesweit die Veranstaltungen zum Internationalen Übersetzertag koordiniert; sie kennt auch Friedhelm Rathjen. „Wir haben uns am Küchentisch einer Freundin kennengelernt“, erzählte sie gut gelaunt. „Du warst damals etwas sperrig!“ In der Niebüller Bücherei war davon nichts zu spüren.

Friedhelm Rathjen hatte seinen Arbeitstisch aufgebaut, war umgeben von dicken Wörterbüchern, so dem Muret-Sanders, das für uralte englische Begriffe ein wahres Juwel ist. Das kaum zu wuppende Oxford-Lexikon war griffbereit am Boden aufgestellt; die Internetverbindung funktionierte. Dann ging es los. Rathjen hat einen noch unübersetzten Urtext von Mark Twain aufgetan; ein Stück aus Huckleberry Finn, den er bereits kongenial übersetzt hat. „Warum Twain damals diesen Text entfernt hat, weiß ich nicht“, so der Mann von der Küste, der beim Radfahren am besten nachdenken kann („das Rad habe ich heute nicht dabei!“). „Vermutlich war es zu deftig, vielleicht hat seine Frau dazwischengefunkt. Oder er hat es geschrieben, um mit seiner Fau ins Gespräch zu kommen …“ Friedhelm Rathjen führte anhand des Wortes „Erweckungsversammlung“ vor, wie er recherchiert und verifiziert. Erst, wenn er glasklar den Beweis hat, dass das Wort in den Text passt, aus der damaligen Zeit stammt, die Situation richtig wiedergibt, darf es bleiben. Dazu bedient er sich mit schneller Routine des Internets und der Lexika; notiert auch manches Mal handschriftlich. „Mein Ziel ist es, erst einmal durch das Buch zu kommen“, so der gebürtige Niedersachse, der vom Bauernhof stammt. Es ist reines Handwerk, wie Rathjen betont: „Ich will den Autor nicht interpretieren, das führt vom Werk weg.“ Natürlich hat er eine bestimmte Vorstellung, welchen Ton, welchen Sprachgestus und -duktus er anschlägt. „Ich liebe – wie man bei Moby Dick sieht – lange, wirre Sätze“, gestand er. Bei Huckleberry Finn ist der „Sound“ ein wilder Mix aus eigenen Dialekten und falschem Deutsch; es hört sich authentisch an. Es gab wohl schon Versuche, Finn einzuschwäbeln; „nicht gelungen“ befand Rathjen. „Ich nehme es so, wie es da steht!“

So wird der pure Text – der schon im Original sehr lebendig ist – frei übersetzt: „Der Prediger scharwenzelt herum, ratzfatz die Bibel geschnappt, die Leute – die, wo von denen er sah – sind am Stöhnen“ und so weiter. Das Publikum half schnell engagiert mit: „Mein Herr!“, das geht nicht, hieß es. „Es muss „Oh Herr!“ heißen.“ Friedhelm Rathjen ließ sich nicht irritieren, fand immer wieder sehr bildhafte Begriffe wie „Gejuchze“ oder „röhrte drauflos“. Dem Publikum wurde schnell klar: Übersetzen ist eine Mühsal. Rathjens Energie reichte früher für zwölf Stunden Übersetzen am Stück, sieben Tage die Woche. Die Zeit drängte jedes Mal, denn für ein Normblatt gibt es lediglich 20 Euro. Der Beruf ist zweifelsfrei eine Leidenschaft, die kaum ernährt. Jetzt hat Friedhelm Rathjen – wie auch seine Kollegin Marieke Heimburger genügend Aufträge, doch eine Sicherheit gibt es nicht.

Umso mehr wuchs an diesem Abend der Respekt vor der Arbeit, die so entscheidend für das Lesevergnügen ist. Nachzuprüfen beim aktuellen Rathjen-Werk, Howard Jacobsons „Im Zoo“. Die Besucher ließen es sich nicht entgehen, ein druckfrisches Exemplar samt Unterschrift mitzunehmen. Und die Gewissheit, an der nächsten Huckleberry-Finn-Ausgabe ein wenig mitgewirkt zu haben.
 

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