Ein Kapitän mit Ideen und Weitblick

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15. Mai 2010, 03:59 Uhr

Sylt | "Na, dann kann ich ja Feierabend machen." Bereitwillig überlässt der Kapitän seinem Reeder Sven Paulsen das Steuer der "Adler VI". Ein wacher Blick auf die Handgriffe seines Chefs kann trotz dessen Kapitänspatents jedoch nicht schaden. Schließlich steht der 50-Jährige nur noch selten am Ruder. Doch das Manövrieren eines 36 Meter langen Ausflugsschiffes verlernt man offenbar genauso wenig wie Fahrradfahren. Sicher führt Paulsen das Schiff nach einstündiger Rundfahrt zurück in den Hörnumer Hafen und legt auch noch ein butterweiches Anlegemanöver hin. "In den ersten paar Jahren habe ich das schließlich täglich gemacht", sagt Paulsen.

Wobei das mittlerweile auch schon 25 Jahre her ist. Knapp die Hälfte der 60-jährigen Erfolgsgeschichte des von seinem Vater Kurt auf Nordstrand gegründeten Unternehmens hat Sven Paulsen nach seiner Nautiker-Ausbildung aktiv mitgestaltet.

24 Jahre davon als innovationsfreudiger "Firmen-Kapitän". Mittlerweile ist seine Flotte 25 Schiffe stark und nicht nur im Wattenmeer unterwegs. Anfang der 90er Jahre nutzte Paulsen die Gunst der Stunde und baute rund um Usedom eine zweite Ausflugsflotte auf. Der zollfreie Einkauf zwischen Deutschland und Polen ließ die Reederei boomen. "Damals hatten wir rund 430 Mitarbeiter und haben 80 Prozent unseres Geschäftes auf der Ostsee gemacht."

Nachdem 1999 bereits die beliebten "Butterfahrten" auf der Nordsee weggefallen waren, endete mit Polens EU-Beitritt 2004 auch das Duty-Free-Geschäft im Osten. Zahlreiche Schiffe wurden stillgelegt oder verkauft, 200 Mitarbeiter entlassen. "Wir sind noch heute dabei, diesen Einschnitt zu kompensieren", sagt der stets auf der Suche nach neuen Märkten befindliche Reeder. So ist die "Adler Princess" mittlerweile auf dem Nord-Ostsee-Kanal und die "Adler II" auf der Eider unterwegs, der historische Seitenraddampfer "Freya" in Kiel, und Anfang 2010 hat Paulsen die kleine Reederei Clermont in Wismar mit ihren vier Ausflugsschiffen übernommen. Nicht zu vergessen, die Kanalfähren, die Paulsen für den Bund "bereedert", sich um Betrieb, Wartung und Personal kümmert.

Seit 1983 lebt der gebürtige Nordstrander auf Sylt, wo mittlerweile auch der Sitz der Reederei mit ihren 25 Schiffen ist und wo Paulsen 1995 die Sylter Verkehrsgesellschaft übernahm. "Meine unternehmerisch beste Entscheidung, weil sich Nah- und Ausflugsverkehr per Bus ideal mit dem Angebot der Adler-Schiffe kombinieren lassen." Der Verbundenheit des ideenreichen und entscheidungsfreudigen Unternehmers mit der Insel- und Halligwelt hat das jedoch keinen Abbruch getan. Neben Hooge, dem Geburtsort seines Vaters, liegt ihm besonders Gröde am Herzen, in dessen Halligkirche seine Frau Birge und er sich das Ja-Wort gegeben haben. Das Alltagsgeschäft als größter Ausflugsreeder des Landes lässt für Sentimentalitäten allerdings nur wenig Raum. Fast so wenig wie für die Ausarbeitung neuer Ideen. "Die Fahrt auf See ist ein extrem schwieriges Geschäft - kostenintensiv und mit hohen Auflagen verbunden. Der Aufwand, um das Niveau zu halten, ist enorm", erklärt Paulsen, der mittlerweile wieder gut die Hälfte seines Geschäftes mit Touren im Wattenmeer macht. Wobei auch hier ständig neue Ideen gefragt sind.

Eine liegt bereits in der Schublade und wartet nur darauf, dass der Reeder die Zeit zur Umsetzung findet. Inspiriert vom Weltnaturerbe Wattenmeer träumt Paulsen von einem kleinen, komfortablen Kreuzfahrtschiff. "Damit könnte man von Fanö in Dänemark über die nordfriesischen Inseln und Helgoland bis nach Ostfriesland und Holland fahren." Ein dafür geeignetes Schiff müsste allerdings erst entworfen und gebaut werden. "Es müsste ein Mittelding zwischen Fluss- und Kreuzfahrtschiff sein. Mit geringem Tiefgang, aber voll seetüchtig."

Dafür braucht man dann auch keine riesige Seebrücke, wie Paulsen sie im Zuge der ersten Sylt anlaufenden Kreuzfahrtschiffe vor einigen Jahren bereits für Westerland konzipiert hatte - "die falsche Idee zum falschen Zeitpunkt", wie er selbstkritisch einräumt. Dann lieber ein stationäres

U-Boot im Lister Hafen, um das Leben unter Wasser aus der Nähe betrachten zu können, oder Sylt als Modellregion für Ausflugsschiffe mit Elektromotor.

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