Energiewende : Ein Jahrhundertprojekt für Bosbüll

Solar- und Windenergie wären die Quelle für Bosbülls eigene Wärmeversorgung.
Solar- und Windenergie wären die Quelle für Bosbülls eigene Wärmeversorgung.

Die Gemeinde könnte sich in naher Zukunft mit einem eigenen Wärmenetz versorgen– wenn ausreichend Einwohner zustimmen.

shz.de von
05. Juli 2018, 09:00 Uhr

Bosbüll | Es ist ein „Leuchtturmprojekt“, wie es Bürgermeister Ingo Böhm nennt. Mit einem neuen Konzept könnte in Bosbüll schon bald das Realität werden, wovon Klimaschützer und Wissenschaftler seit Jahren reden: die energetisch unabhängige Wärmeversorgung aus 100 Prozent eigenen erneuerbaren Energien – wenn die meisten der rund 204 Einwohner zustimmen.

„Ich hatte schon Angst, dass keiner kommt“, sagt Böhm zu Beginn der Informationsveranstaltung und blickt in die gefüllten Reihen des Gemeindehauses. Gemeinsam mit dem Partner der Gemeinde, „GP Joule“, wurde das geplante Konzept nun den Gemeindebewohnern vorgestellt. Schon vor zwei Jahren hätten die ersten Überlegungen begonnen, nun stehe das erste tragfähige Konstrukt, schildert GP-Joule-Mitarbeiter Felix Schwahn. „Das ist ein Projekt mit einer Strahlkraft für die nächsten Jahrzehnte“, betont Böhm.

Die Gemeinde Bosbüll verfügt derzeit über zwei Wind- und zwei Solarparks. „Das sind große Energiemengen, die es zu nutzen gilt“, sagt Schwahn. Momentan erfolgt die Wärmeversorgung noch über das öffentliche Netz, das mit fossilen Brennstoffen wie Heizöl bedient wird. Laut dem Energie-Experten geht dabei nicht nur eine Menge Geld verloren, sondern diese Energieversorgung sei angesichts der weltweiten Klimaziele nicht mehr lange tragbar. „Wir stehen vor einem Jahrhundertproblem“, betont Schwahn.

100 Prozent erneuerbare Energien

Deshalb würde Bosbüll nach dem neuen Konzept die gesamte Wärmeversorgung aus der erzeugten Energie der Wind- und Solarparks beziehen. Träger wäre die Bosbüll Energie GmbH, bei der die Gemeinde mit 55 Prozent und der Partner GP Joule mit 45 Prozent Anteilseigner sind. Praktisch würde über eine Wärmepumpe die Energie von den Wind- und Solarparks der Gemeinde an das neue Wärmenetz weitergegeben werden.

Ein Wärmespeicher und eine Anbindung an das öffentliche Netz als „Back-Up“ sollen auch im Notfall die zuverlässige Versorgung garantieren. Angedacht ist langfristig auch die direkte und unabhängige Stromversorgung, wenn 2022 die Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wegfällt.

Dann soll der Strom aus den eigenen Energiequellen günstiger gewonnen werden, als er im öffentlichen Netz eingekauft wird. Außerdem ist es Anspruch und Garantie der Bosbüll Energie GmbH, die zentrale Wärmeversorgung aus eigenen erneuerbaren Energien über eine Laufzeit von zehn Jahren günstiger zu gestalten, als die derzeit zwölf Cent pro Kilowattstunde für die fossile Energieversorgung.

Skepsis bei den Anwohnern

Günstiger, umweltfreundlicher, effizienter: Das moderne Konzept klingt nach einem Nonplusultra. Doch das Projekt schlägt mit einer Investitionssumme von 1,8 bis 2 Millionen Euro zu Buche. Das muss unter anderem mit Anschlusskosten von rund 5000 Euro Brutto pro Privathaushalt für die Installation der neuen Leitungen aufgefangen werden. Die Kilowattstunde wird Brutto etwa zehn Cent kosten. „5000 Euro sind eine Menge Geld“, sagt Ingo Böhm. „Aber da müssen wir alle langfristig denken. Ein zuverlässigeres System kann es nicht geben.“

Die Bosbüller reagieren verhalten, aber dennoch interessiert auf das vorgestellte Konzept. Skepsis wird bei den notwendigen Tiefbauarbeiten für die Installation der Rohre laut: „Müssen dann unsere neuen Auffahrten und die Straße wieder aufgebrochen werden?“ lautet eine Frage aus dem Publikum. Laut GP Joule versuche man größere Schäden zu umgehen– ganz ausbleiben würde diese jedoch nicht.

In Frage gestellt wird auch die Zukunft der Bosbüll Energie GmbH. Eine Einwohnerin äußert Skepsis bezüglich möglicher neuer Anteilseigner. „Egal wie viele Anteilseigner hinzu kommen würden, die Gemeinde wird immer mit 55 Prozent den Hut aufhaben“, betont Böhm. „Wir, die Gemeinde, sind das Projekt. Und wir sind daran interessiert, eine zuverlässige und preisgünstige Wärmeversorgung zu gewährleisten.“ Weiter betont der Bürgermeister sein Vertrauen in die Gemeinde und das Vorhaben. Schon bei den ersten Planungen habe er gedacht: „Die Bosbüller sind gut, die machen einiges.“

Etwa 40 Haushalte müssen sich für das neue Wärmenetz entscheiden. Dann könnten die Arbeiten bereits im Herbst dieses Jahres beginnen.

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