Ein Friese mit Ecken und Kanten

C. Boysen
C. Boysen

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04. Mai 2012, 03:59 Uhr

RISUM-LINDHOLM | Carsten Boysen gehörte zu den zentralen Persönlichkeiten in der friesischen Bewegung Nordfrieslands im 20. Jahrhundert. Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg hat er wesentlich mitgeprägt. Mit manchen Gedanken war er seiner Zeit voraus. Carsten Boysen wurde am 5. Mai 1912 in der heutigen Gemeinde Risum-Lindholm geboren. Er besuchte die Volksschule in Lindholm und später die Landwirtschaftsschule in Niebüll. Von 1939 an war er, unterbrochen vom Kriegsdienst, selbstständiger Landwirt in Risum.

Als von 1945 an ein demokratisches Gemeinwesen in Deutschland entstand, übernahm er auf verschiedenen Arbeitsfeldern Verantwortung. So wurde er erster Bürgermeister von Risum nach dem Zweiten Weltkrieg und Mitglied des Kreistags von Südtondern, seit 1970 von Nordfriesland. 1948 gehörte er zu den Mitbegründern des Vereins Nordfriesisches Institut und war bis 1951 dessen erster Vorsitzender. Er engagierte sich in der Foriining for nationale Frasche (heute: Friisk Foriining). Als deren langjähriger Vorsitzender Johannes Oldsen, sein Onkel, 1958 starb, wurde er dessen Nachfolger und stand sodann 25 Jahre lang an der Spitze.

Carsten Boysen vertrat die Position, dass die Nordfriesen als eigene Minderheit anerkannt werden sollten. Dass der friesischen Volksgruppe 1990 in der Landesverfassung von Schleswig-Holstein dann tatsächlich "Schutz und Förderung" zugesichert wurde, erlebte er nicht mehr mit. Als Vorsitzender der Nationalen Friesen pflegte er die Zusammenarbeit mit der dänischen Minderheit, was ihm in der Zeit des "Grenzkampfs" manches Mal vorgeworfen wurde. 1948 hatte er zu den Gründern des Südschleswigschen Wählerverbandes gehört.

Schon als junger Mann hatte er als Bauer im niederländischen Friesland gearbeitet. Die Verbindung zu den Westfriesen spielte für seine friesische Identität eine wesentliche Rolle. Er gehörte zu den wichtigsten Vertretern der interfriesischen Zusammenarbeit und war 1959 Mitinitiator der gemeinsamen Bauerntreffen. Auch der Kontakt mit anderen Minderheiten in Europa lag ihm schon früh am Herzen.

Carsten Boysen scheute sich nicht, seine Meinung rückhaltlos zu vertreten - auch wenn er keinen Beifall einheimsen konnte. Als einer von ganz wenigen trat er im Kreis Südtondern für die Bildung eines "Großkreises" Nordfriesland ein, der 1970 Wirklichkeit wurde. Die seitherige Entwicklung hat ihm Recht gegeben. Er starb am 19. Oktober 1985 in seinem Heimatdorf.

Die Friisk Foriining, deren Vorsitzender Carsten Boysen durch ein Vierteljahrhundert war, erinnert morgen an den bedeutenden Friesen anlässlich seines 100. Geburtstags. Die Feierstunde beginnt um

14 Uhr in der Gaststätte "Fraschlönj" in Risum-Lindholm. Die Festrede hält Dr. Claas Riecken in deutscher und friesischer Sprache.

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