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Nordfriesland Tageblatt

23. November 2017 | 04:57 Uhr

Ein einkalkuliertes Chaos

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

von
erstellt am 30.Mai.2016 | 12:05 Uhr

Ein Kreis leidenschaftlich engagierter und gut ausgebildeter Hobby-Musiker aus Leipzig, Hamburg und Nordfriesland hatte – zum 25. Mal – zu einer Piano-Session in das Andersen-Hüs eingeladen – dieses Mal wieder an zwei Tagen. Im Gegensatz zu normalen Konzerten sind Sessions gekennzeichnet durch geplante Spontanität, zuweilen auch durch eine Art von einkalkuliertem Chaos, das es immer wieder zu ordnen gilt. Da die Künstler, die sich vor allem dem Blues und Boogie-Woogie verschrieben haben, vor Beginn ihrer Darbietungen deren Auswahl und Reihenfolge nicht festgelegt hatten, verzichteten sie deshalb auf die Ausgabe von Programmzetteln.

„Uns als Amateuren geht es vor allem darum, unseren Gästen und uns selbst ein paar harmonische, vergnügliche Stunden zu bereiten“, ließ sich Christoph Hampel als Sprecher der Gruppe sinngemäß vernehmen. „Deshalb sehen wir auch niemanden schief an, der während unserer Darbietungen im Raum herumgeht, mit seinen Sitznachbarn redet oder im Flur tanzt.“ Er stellte die Mitwirkenden der Session vor, die sich nicht auf allein auf die drei Pianisten – Michael Friemel (Niebüll), Marcus Paquet (Hamburg) und ihn selbst (Leipzig) beschränkten: Sven Munkelt (Leipzig/Gesang), Bruno Laube (Leipzig/Mundharmonika) und Arne Linde (Leck/ Percussions und kleines Schlagzeug). Aus beruflichen Gründen fehlte Pianist Matthias Nothnagel. Dagegen waren die Profis Georg Schröter (Piano) und Mark Breitenfelder (Chromonika), die Erstplatzierten eines in Memphis durchgeführten Musikwettbewerbs, am Vorabend als besondere Attraktion im Andersen-Hüs aufgetreten.

Im Verlaufe der ersten beiden Drittel der Session präsentierten sich die Musiker teils solistisch, teils in spontan zusammengestellten Besetzungen, die so zum Teil noch niemals zuvor gemeinsam musiziert hatten, dennoch ihren Aufgaben in erstaunlich meisterlicher Weise gerecht wurden. Christoph Hampel ließ über ostinaten, hart angeschlagenen Bassfiguren seine Melodien sich entfalten, zum Beispiel bei „Summertime“ (Gershwin) und dem C-Jam-Blues von Duke Ellington. Häufig wechselte er die Tempi, wobei er die zügigen klar bevorzugte. Der vom Schlagzeuger Arne Linde einfühlsam begleitete Marcus Paquet, der die Texte seiner Klavierbeiträge selbst sang und dabei besonders die Zeit des Rock ’n’ Roll in Erinnerung rief, ließ abenteuerlich rasanten Sätzen oft sanft vor sich hin groovenden Blues und Boogie-Woogie folgen. Dabei wurde er vom einfallsreich improvisierenden Bruno Laube per Mundharmonika wirksam unterstützt.

Der Vokalist Sven Munkelt wartete mit einem Gesangsstil auf, der stark an Joe Cocker erinnerte, von dem er auch mehrere Titel vortrug. Michael Friemel, der für das wertvolle Steinway-Piano gesorgt hatte, ließ eine Vorliebe für etwas ruhigere, nur von sporadischen Temperamentsausbrüchen unterbrochene Beiträge erkennen, zum Beispiel bei der Interpretation der Beatles-Titel „Hey Jude“ und „Lady Madonna“. Bei einem „Ole Miss Rag“ von Scott Joplin zeigte er lautmalerisch auf, wie eine alte Dame durch ihre Wohnung stolpert. Nach der zweiten Pause folgte für die Musiker die „Kür nach der Pflicht“. Sie erlaubte es ihnen, sich in beliebigen Gruppen zusammenzufinden. Einige bedienten das Klavier zu zweit, indem sie drei- oder vierstimmig aufspielte und in slapstickartiger Manier belustigende Platzwechsel vornahmen. Erst nach Mitternacht gelang es den Musikern, ihr in Stimmung gekommenes und zum Teil tanzendes Publikum in ruhigere Bahnen zu lenken, indem sie die Zuhörer bei „Lili Marleen“ und dem besinnlichen Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ mitsingen ließen.

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