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Nordfriesland Tageblatt

11. Dezember 2017 | 20:26 Uhr

Du oder Sie? In Rodenäs keine Frage

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In den Grenzdörfern Südtonderns lebt das „Du“ / Im Norden wird das „Du“ dabei schneller gebraucht als im südlichen Schleswig-Holstein

Einen Sonderstatus hat auch Bürgermeister Jörg Nissen nicht. In seiner kleinen Gemeinde Rodenäs an der dänischen Grenze duzen sich alle. „In Dänemark gibt's ja auch kein Sie“, sagt Nissen – im Nachbarland werde nur die Königin gesiezt. 450 Einwohner hat sein kleines Dorf, fünf Sprachen werden dort gesprochen: Plattdeutsch, Hochdeutsch, Sønderjysk, eine Form des Dänischen, Dänisch und Friesisch, in dem man sich in der dritten Person anredet. „Da bleibt nicht mehr viel.“ Also duzen sich alle in Rodenäs. „Solange ich mich erinnern kann, ist es nicht anders gewesen“, sagt Nissen. Für ihn als Bürgermeister ergebe sich dadurch eine andere Ebene mit den Bürgern – beim Siezen könne man alles so weit wegschieben. „Ein ’Du’ macht mehr Vertrauen.“ Auch die Zugezogenen, die das Geduze am Anfang vielleicht merkwürdig fänden, stünden schließlich positiv dazu, da es auch Distanz reduziere. In Rodenäs gebe es ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. „Wenn viel Schnee liegt, hilft man sich in der Nachbarschaft. Und bei Sturmflutwarnungen sitzt man zusammen.“ Das „Du“ ist für die Rodenäser auch im Schriftverkehr erste Wahl. „Wenn es sich vermeiden lässt, möchte ich nicht siezen“, sagt Nissen und gibt zu: „Wenn ich in Urlaub fahre, ist das schon ein bisschen schwierig für meine Mitmenschen.“

Auch Touristen erlebten in Rodenäs wohl zuerst eine Schrecksekunde, wenn ihnen ein freundlichen „Du“ entgegenschallt. In seinem noch kleineren Heimatort Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog sei es genauso gewesen. Direkt nebenan in Aventoft sei das „Du“ auch verbreitet. Damit fängt die Gemeinde gleich auf ihrer Internetpräsenz an: „Unser Dorf mit den beiden Ortsteilen Aventoft und Rosenkranz findest du im äußersten Nordwesten Deutschlands.“

Ein Ursprung des kollektiven Duzens in den Dörfern sei die kulturelle Nähe der Grenzorte zu Dänemark, sagt Robert Langhanke. Er lehrt an der Abteilung für Niederdeutsch der Universität Flensburg. Auch im Plattdeutschen werde das „Du“ häufiger verwendet. Es gebe aber regionale Unterschiede: So werde in Nordfriesland und an der Westküste schnell geduzt, in Angeln dauere es länger. Grundsätzlich gehe es in dörflichen Gemeinschaften schneller mit dem Duzen. Im Norden sei das Duzen besonders verbreitet. Gesamtgesellschaftlich macht Langhanke beispielsweise die 68-er für Veränderungen verantwortlich. In den 60er Jahren etwa siezten sich die Studenten noch untereinander – heute undenkbar. „An der Uni ist es sehr üblich, sich zu duzen“, sagt Langhanke – auch unter den Lehrenden. Die Unsicherheiten mit der Verwendung von „Du“ oder „Sie“ scheinen zurückzugehen. In den Seminaren der Knigge-Akademie sei das kein zentrales Thema mehr, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft und Trainerin für Business Etikette, Linda Kaiser. Der Trend gehe im Beruf eher wieder zum „Sie“.

„Junge Menschen haben nicht mehr den Anspruch, sich den Vorgesetzten durch die Aufhebung der höflichen Ansprache ’Sie’ gleichzustellen. Es herrscht wieder mehr Respekt vor der Erfahrung des anderen“, meint Kaiser. „Im Gegenzug respektieren auch die Vorgesetzten die jüngeren Menschen und verzichten auf ein, unter Umständen als herabsetzend empfundenes ’Du’.“ Im privaten Bereich gebe es weiter die Tendenz zum Duzen, vor allem, wenn die Menschen gleichaltrig seien oder in Gruppen, etwa beim Sport, zusammenkommen, sagt Kaiser. „In dieser Situation wird dann auch nicht mehr darüber nachgedacht, wer das ’Du’ anbieten darf, es gehört einfach zum Sprechverhalten dieser Gruppierung dazu.“


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