zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

23. Oktober 2017 | 19:24 Uhr

Drei Zimmer für Pastor Paul

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Rückblick in die Nachkriegszeit, als die aus dem Osten gekommenen Flüchtlinge und die wirtschaftliche Situation allgemeinen Mangel verursachten

von
erstellt am 13.Jan.2016 | 11:11 Uhr

Das Leben mit Flüchtlingen ist ein bestimmendes Thema der Gegenwart – und auch der Vergangenheit. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs erreichten Vertriebene Südtondern. Die damalige Lebenswelt aus Sicht des früheren Lindholmer Pastors Detlef Paul ist in einer Ergänzung zur Lindholmer Kirchenchronik nachzulesen. Der Band 13 der Andersen-Hüs-Serie betrifft das Lindholmer Pastorat – genauer die ersten zehn Nachkriegsjahre im Pastorat, die einem Spiegelbild der damaligen Zeit ähneln und vielen Älteren noch in lebendiger Erinnerung sind. Verfasst und herausgegeben wurden die Schriften von Pastor Pauls Sohn Hinrich und dem Niebüller Historiker Albert Panten.


Stromabschaltungen, Tauschhandel und Hamsterer


Es war die Zeit, in der das Hitler-Reich am Boden lag, die britische Militärregierung das Sagen hatte und die aus dem Osten gekommenen Flüchtlinge und wirtschaftliche Situation allgemeinen Mangel verursachten. Die im Krieg eingeführte Rationierung setzte sich fort. Es gab Lebensmittelkarten, Bezugsscheine und Engpässe in der Energieversorgung. Vor dem Lindholmer Pastorat wurden die Linden gekürzt, damit die beiden Bäcker Holz für ihre Öfen hatten.

Im Winter gab es Stromabschaltungen. Kraftstoff war Mangelware. Der Tauschhandel blühte. Hungrige Hamsterer zogen umher. Im Juni 1948 kam die Währungsreform. Nachdem vorher schlechtes Geld reichlich vorhanden war, war jetzt alles da – nur kein Geld. Lindholm zählte bis 1939 1300 Einwohner. 1947 wurden es 1860. Für eine Überbelegung waren die Häuser zu klein. Und überhaupt führte ungleiche Verteilung zu Bitterkeit. Hinzu kamen Trauer und banges Warten auf die Männer, die draußen blieben oder vermisst waren. Die Briten entnazifizierten – hier waren es unter anderem die Lehrer Siem und Kruse und Pastor Behnke. Perline Nissen pflegte zu sagen: „Bi uns weern domols all bruun“. In Lindhom wurde eine dänische Schule eröffnet und die dänische Minderheit gegründet. Von friesischer Eigenständigkeit war keine Rede mehr. Einheimische waren nun deutsche oder dänische Friesen.

Im November 1945 trat Pastor Detlef Paul die kommissarische Verwaltung der vakanten Pfarrstelle Lindholm an. „Im Pastorat kamen mir Pastor Richard Warszas und seine Frau entgegen“, berichtet er. Der ostpreußische Pastor vertrat Pastor Schau, der nach Hoyer gewechselt – und weil Risums Pastor Behnke von den Engländern „festgesetzt“ worden war. Außer den Warszas wohnte noch eine Familie aus Posen und ein österreichischer Militärarzt mit Familie im Pastorat. Mithilfe von Küster Andresen wurden für Pastor Paul drei Zimmer freigemacht, dem auch WC und Waschraum zur Verfügung standen, während die übrigen Bewohner nun mit dem Plumpsklo auf dem Hof Vorlieb nehmen mussten. Das 1872 erbaute Pastorat war längst „heruntergewohnt“. Pastor Paul verglich das Haus mit den Häusern aus seiner Zeit in Russland. Als die Familie Paul mit dem Möbelwagen aus Itzehoe eintraf, half Emil Hansen („Emil Maler“) beim Ausladen und Einrichten.

Pastor Paul berichtete, dass sich das Leben im Pastorat friedlich gestaltete – trotz der damals elf Mitbewohner, die es weitaus schwerer hatten. Hunger und Kälte hatten im Winter 1947/48 ihren dramatischen Höhepunkt. „Nichts im und unter dem Topf“, hieß es in Kurzform. Das galt auch für die erste Zeit nach 1948. Die Lage entspannte sich ab 1950, als viele Flüchtlinge in den Westen wechselten.


„Min Fraschlönj, wat bast dü smuk“


Pastor Paul schaffte es mit der Zeit, sein neues Domizil nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das unwirtliche Haus wuchs zu einem echten Zuhause. Auch die Natur rundum konnte sich bald sehen lassen. Detlef Paul erinnerte sich noch lange an Emil Malers Verse, in denen es hieß: „Min Fraschlönj, wat bast dü smuk.“ Detlef Paul bezog das vor allem auch auf seinen Garten, der ihm in all den Jahren eine Augenweide war und, dankbar zurück blickend, in den Jahren der Not eine wertvolle Hilfe und später auch ein Ort der Schaffensfreude und Erholung nach der Arbeit im Amt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen