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Nordfriesland Tageblatt

13. Dezember 2017 | 16:22 Uhr

Drei Wunder für einen Soldaten

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Neukirchener Hans Carstensen (88) berichtete jüngst in der Geschichtswerkstatt Rodenäs von seinen Erlebnissen in den letzten Kriegstagen

shz.de von
erstellt am 27.Jun.2016 | 13:22 Uhr

Der in Nordhackstedt geborene und in Neukirchen wohnhafte ehemalige Realschulkonrektor Hans Carstensen (Jahrgang 1928) erlebte als 16-jähriger Soldat in den letzten Kriegswochen das Chaos der Kämpfe um Berlin. In der Geschichtswerkstatt der Kulturstation Zollhäuser referierte er nun als Zeitzeuge.

Hans Carstensen war seinerzeit in Vorbereitung auf den Lehrerberuf in der sogenannten Lehrerbildungsanstalt. Dort gab es kaum zwei Meinungen, dass man sich mit 15 Jahren freiwillig zum Wehrdienst zu melden habe. Und wer es nicht tat, wurde trotzdem eingezogen. Die Musterung zur Waffen-SS in Meldorf erstreckte sich auch besonders auf die Rassemerkmale, wie Körpergröße, Haar- und Augenfarbe. An seinem 16. Geburtstag bekam der junge Schüler den Annahmeschein als SS-Führerbewerber (Offiziersbewerber). Jeder Junge hatte an einem 14-tägigen Wehrertüchtigungslager teilzunehmen. Das geschah in den Sommerferien.

Weihnachten 1944 und den Jahreswechsel verbrachte Hans Carstensen beim Reichsarbeitsdienst am Flugplatz Uetersen. Nach einem kurzen Heimataufenthalt erhielt er im Februar die Einberufung nach Spreenhagen über Erkner bei Berlin. Die Rote Armee hatte die Oder schon erreicht – bis Berlin-Mitte waren es nur noch 80 Kilometer. Obwohl sie mit Panzern nichts zu tun hatten, wurden die Rekruten in dem Ausbildungs- und Ersatzbatallion der Division „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ Panzergrenadiere genannt.

Die Reste dieser Division lagen in Österreich und Ungarn. Da nachts oft Fliegeralarm war, marschierten alle hinaus in die Heide, um sich in der Fläche zu verteilen und dort zu schlafen. Da das Frühjahr 1945 mild war, gelang das auch mit dem Mantel als Zudecke und dem Stahlhelm als Nackenstütze, denn alle waren vom Dienst und der Waffenausbildung sehr müde. Drei Jungen hatten es vor Heimweh nicht mehr ausgehalten und versuchten, nach Hause zu fliehen. Sie wurden aber von der überall lauernden Feldpolizei aufgegriffen und wegen Fahnenflucht vor ein Kriegsgericht gestellt. Urteil: Tod durch erschießen.

Trotz aller Anspannung hatte der spätere Biologielehrer Hans Carstensen noch einen Sinn für die Natur, für die hektarweise an der Spree blühenden, sattgelben Sumpfdotterblumen oder die Froschkonzerte. Am 19. April wurden die jungen Spreenhagener Soldaten dann im Kampf gegen die letzte große Offensive der Roten Armee um die Reichshauptstadt Berlin eingesetzt. Sie verschanzten sich in einem Wald, nicht ahnend, dass sie schon eingekesselt waren. Hans Carstensen war als Melder eingeteilt und sollte eine Nachricht zum Kompaniegefechtsstand bringen. Er verirrte sich, wurde beschossen und fand in der Nacht Unterkunft in einem Schützengraben.

An einem ruhigen Tag erhielt er den Befehl, etwas zu essen zu besorgen. In einem Dorf, wo die Einwohner bereits geflohen waren, melkte er eine Kuh und requirierte zwei Hühner. Am 29. April geriet Hans Carstensen auf einem freien Feld fast ohne Deckung unter Beschuss. Aus einer hinter ihm explodierenden Granate bekam er mehrere Splitter ab. Die Nacht verbrachte er mit anderen Verwundeten in einer Dorfschule. Als am Morgen die Russen dort eintrafen, wollte er durch die Hintertür verschwinden. Aber ein junger Sowjetsoldat machte deutlich, dass er sein Gefangener sei.

Eine lange Kolonne Gefangener marschierte Richtung Osten und in Gedanken sah sich Hans Carstensen schon in Sibirien. Aber als es hieß: „Verwundete raustreten!“, wurde er mit abtransportiert und landete schließlich in einem Kriegsgefangenenlazarett am Küchensee bei Storkow. Alle Ärzte dort waren deutsche Gefangene, nur die Bewacher waren Russen. Ein Kieferchirurg entfernte bei Hans Carstensen einen Granatsplitter aus seinem Unterkiefer, die übrigen blieben stecken. Ein Splitter sitzt noch heute in seinem linken Unterarm. Man zog Hans Carstensen bald zu Hilfsdiensten im Lazarett heran, bevor er schwer krank wurde, im Koma lag und keine Erinnerung an seinen 17. Geburtstag hat. Als er wieder zu sich kam, wunderten sich viele, dass er noch am Leben sei. Sein Geld war weg, „jemand hatte wohl voreilig geerbt“, meinte er heute schmunzelnd. Viele Verwundete und Kranke sind im Lazarett verstorben und auf dem Gelände begraben. Für jeden wurde eine kleine Betonplatte mit dessen Daten angefertigt. Ende August wurde das Lazarett aufgelöst und zehn Tage später war Hans Carstensen zu Hause.

Im Nachhinein sprach er von drei Wundern: 1. „Dass ich den Endkampf um Berlin überlebt habe!“ 2. „Das Überstehen der schweren Krankheit“ und 3. „Dass wir drei Klassenkameraden, die gemeinsam eingezogen, zusammen ausgebildet und ins Feuer geschickt wurden, im Herbst 1945 alle drei wohlbehalten wieder zu Hause waren!“

Hans Carstensen betonte, sein Vortrag solle weder eine Anklage noch ein Schuldbekenntnis und auch kein Rechtfertigungsversuch sein, sondern: „Ich habe nur erzählt, wie es gelaufen ist.“ Das Auditorium in Rodenäs unter der Moderation von Rainer Adelmann und Hanno Nord hatte zu dem beeindruckenden Vortrag noch einige Fragen, die Hans Carstensen in seiner bekannt ruhigen und trotz des ernsten Themas humorvollen Art geduldig beantwortete.


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