Bürgermeister –Serie : „Dieser Ort tut einfach gut“

Heute spricht Wilfried Bockholt, Bürgermeister von Niebüll, unter anderem darüber, was er sich für die Zukunft wünscht.

Heute spricht Wilfried Bockholt, Bürgermeister von Niebüll, unter anderem darüber, was er sich für die Zukunft wünscht.

In einer Interviewserie stellen wir alle 30 Gemeinden Südtonderns vor. Heute mit dem Bürgermeister von Niebüll.

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07. Dezember 2017, 14:10 Uhr

Niebüll | Was macht Niebüll so besonders?  Warum sollte man dorthin ziehen?

Wenn in Verkaufsanzeigen für Immobilien in Nachbargemeinden der Hinweis zu finden ist: „…nahe Niebüll!“ – dann ist das fast schon die Antwort. Niebüll  hat in den letzten fast 100 Jahren stetig an Bedeutung als Kreisstadt, Schulstadt, Krankenhausstadt, Marktort, Einkaufsstadt, als Verkehrsknotenpunkt und ganz besonders als Wohnort mit Anbindungen zu den Inseln und Halligen  gewonnen. So sprechen auch Bürgermeisterkollegen aus der Region gelegentlich von Niebüll als der Hauptstadt Südtonderns.    Hier hat man  alles vor Ort. Besonders sind die Einrichtungen des Sozial- und Bildungsbereiches zu erwähnen. Man könnte sagen, von der Wiege bis zur Bahre – alles da. Es gibt knapp 300 Betreuungsplätze  für Kinder vom 1. Lebensjahr bis zur Schule. Alle allgemeinbildenden Schularten sind vor Ort, dazu zwei Förderzentren und die Beruflichen Schulen des Kreises Nordfriesland. Und für das Leben zwischen Schule, Arbeit und Rente findet sich alles an Freizeitmöglichkeiten und sozialen Angeboten,  was man sich  vorstellen kann. Dieser Ort tut einfach gut, ein guter Platz zum Leben, eine der schönsten Ecken des Landes, Meeresklima inklusive.

Was müsste unbedingt verändert, auf den Weg gebracht werden?

Fertig ist man nie.  Ich greife aus dem großen Blumenstrauß  der Entwicklungserfordernisse  die Mobilität heraus, den Verkehr. Die Mobilität hat  seit 1945 auch bei uns ein Maß angenommen, wo wir für unser Empfinden teilweise zu viel Verkehr haben. Spannend dabei ist, dass eigentlich jeder von uns Teil des Verkehrs ist und zugleich die Menge des Verkehrs beklagt. Verkehr muss sich ändern. Ohne die individuelle Mobilität und Flexibilität zu verändern oder wesentlich einzuschränken. Deswegen befassen wir uns in der Stadtpolitik und -verwaltung  mit der Verbesserung der Angebote für Radfahrer.  Wir müssen eine Haltung erlangen, die den Autoverkehr nicht verteufelt, den Fahrradverkehr und den Fußgänger aber mindestens gleichwertig ins Visier nimmt. Die gesamte Verkehrspolitik  hat über Jahrzehnte das Auto als Maßstab der Dinge angelegt. Davon müssen wir  weg. Auch in Verantwortung für den kleinen Beitrag, den wir mit solchem Handeln für eine lebenswerte Welt für die uns nachfolgenden Generationen leisten.

Wie ist die Altersstruktur und gibt es genügend Angebote/Möglichkeiten für die jeweiligen Altersgruppen?

Die Altersstruktur stimmt auch bei uns nicht mehr.  Wir haben einen hohen Zuspruch an Neubürgern aller Altersgruppen. Neben den Folgen des demografischen Wandels fehlt es uns  an lohnattraktiven Arbeitsplätzen entsprechender Neuansiedlungen. Denn diese binden die große und notwendige Gruppe der Erwachsenen im Berufsleben. Zumeist leider in den Metropolregionen. Dennoch kann ich kein wirkliches Gefühl der Sorge entwickeln. Denn die älter gewordene Generation ist  „jünger“ als vorhergehende Generationen im Alter. Diese Gruppe der „jungen Alten“ trägt vielfach Jeans und ist sportiv, ist mobil, aktiv und unterwegs. Es gibt viele Angebote im gesellschaftlichen Bereich in unseren Vereinen, sozialen Gruppen und  Kirchen. Auffällig ist eine nachlassende Bereitschaft bei den „jungen Alten“, sich nach dem Berufsleben in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Wir brauchen mehr Menschen, die andere begleiten, zuhören, da sind.  An Angeboten für Kinder und Jugendliche gibt es keinen  Mangel. Wir haben Sportvereine mit vielfältigsten Angeboten, Betreuungsangebote, Freizeitmöglichkeiten, Parks, kulturelle Einrichtungen – und Verkehrsanbindungen.

Wie sieht es mit  dem Wirtschaftsstandort Niebüll aus?

Wenn wir realisieren, dass wir in Niebüll schon seit   Jahren im Schnitt bei rund fünf Millionen Euro Gewerbesteueraufkommen liegen und die Stadt trotz aller Baumaßnahmen der letzten Jahren eine Verschuldung pro Einwohner von gerade mal etwas über 400 Euro hat, dann wirft das auch ein Licht auf die Wirtschaftskraft der hier ansässigen Unternehmen. Wir haben  in den letzten sieben Jahren allein für die Gemeinschaftsschule und das Klärwerk rund 15 Millionen Euro investiert. Es ist ein offenes Geheimnis, dass zum Beispiel die VR Bank und Danisco mit zusammen fast 500 Mitarbeitern als erfolgreiche Unternehmen „Wasserträger“ für die Stadt sind. Für einen  guten Wirtschaftsstandort  spricht auch, dass wir das rund 60   Hektar große Gewerbegebiet Ost nach rund 20 Jahren kurzfristig werden nach Norden erweitern müssen. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der die Innenstadt prägende Einzelhandel mit seiner anerkannt hohen Qualität zu kämpfen hat. Die jüngsten Schließungen haben vielen vor Augen geführt, dass das Leben als Kaufmann nicht  einfach ist. Da haben wir als Verbraucher die Chance, selbst dafür zu sorgen, dass uns diese Vielfalt vor Ort erhalten bleibt, indem wir hier, wo wir leben, auch zuerst einkaufen.

Wo liegen noch ungenutzte Potenziale?

Im Wohnungsbau jedenfalls nicht. Der permanente Zuwachs an Wohnungen und Einwohnern ist an allen Ecken sichtbar. Wirtschaftlich sehen wir als Stadt Potenziale im NIC, das wir gemeinsam mit dem Kreis im kommenden Jahr für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts aufrüsten wollen. Leistungsfähige IT ist heute eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung. Deswegen engagieren sich alle Kommunen hier im Nordwesten  so sehr für eine echte Breitbandanbindung auf Basis von Glasfaser.  Das Risiko, das die IT und das Internet  mit sich bringt,  ist auf der anderen Seite  auch eine Chance für neue Arbeit in  Südtondern,  für ein gutes Leben in einer Premiumregion des Bundeslandes mit den glücklichsten Deutschen.

Verraten Sie uns einen Moment, eine Situation, bei der Sie dachten: Darum bin ich Bürgermeister geworden?

 Da jetzt nach mittlerweile fast 20 Jahren in diesem facettenreichen Beruf ein Ereignis herauszupicken, würde vielem anderen nicht gerecht werden.   Wenn ich so darüber nachdenke,  dann ist es ein kleiner, fast unscheinbarer Satz in einem Interview des Schleswig-Holstein-Magazins vom 20. März 2016 nach meiner letzten Wahl. Da sagte ein alteingesessener Niebüller im Interview auf dem Wochenmarkt auf eine auf mich ausgerichtete Frage: „Wenn man Probleme hat, mit ihm kann man reden.“ – Gedankenpause – um dann abzuschließen mit den vier Worten: „Doch, er ist gut.“

Was nervt Sie an der Kommunalpolitik am meisten?

 Ganz wenig und wenig Konkretes. Ich bin relativ geduldig.  Kommunalpolitik ist ja ein Privileg. Nämlich sich um die Dinge des eigenen Ortes, des eigenen Lebensumfeldes kümmern zu dürfen,  ohne dass der Staat von oben und aus der Ferne versucht,  alles zu regeln. 

Wie lauten Ihre Wünsche für die Zukunft von Niebüll?

Dass sich möglichst viele Menschen, die sich entschieden haben, in Niebüll zu leben, dies nicht nur als Konsument von Bauplätzen, Straßen, Kanalisation, Kindergarten, Feuerwehr, Schule,  Sportverein, Spielplätzen oder Hallenbad tun. Sondern sich den politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen zur Verfügung  stellen, um sich  zum Beispiel nach der Kommunalwahl am 6. Mai  für diesen lebenswerten Ort zu engagieren.

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