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Maik Wolf im Haizmann-Museum Niebüll : Die virtuelle Welt – mal ganz real

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Niebüller Kunstverein zeigt noch bis März unter dem Titel „Sivriada“ beeindruckende Bilder des Berliner Künstlers Maik Wolf

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erstellt am 08.Feb.2016 | 05:45 Uhr

Das Richard-Haizmann-Museum zeigt seit Freitag einen Berliner Künstler, der die Sehgewohnheiten der Kunstfreunde auf die Probe stellt. Häuser, Monumente, Riesenbuchstaben, Schattenwanderungen, Cluster, Camp und suburbane Psyche – eine Reise durch die seelenlose Neuzeit – oder ist in der surrealen Szenerie alles nur erfunden? Auf den ersten Blick erschreckend, Angst einflößend, Paranoia erzeugend. Bloß weg hier ...

Doch die Besucher der Vernissage zeigten sich von den Traumwelten, die Maik Wolf fabriziert, sehr angetan. Niebülls Bürgermeister Wilfried Bockholdt hatte sauber recherchiert, sodass er den Kahlköpfigen gleich ausmachte. „Haben Sie mich an der Frisur erkannt?“, scherzte der leutselige Mann aus der Hauptstadt. Er gab dann gleich eine kleine Einführung. „Hier hängt eine Altlast, habe ich vor sechs Jahren gemalt.“ Das Bild war lange unterwegs, auf Asien-Tournee. Seinen Stil hat Wolf damals schon gefunden, nur die Schichtentechnik hat sich verfeinert. „Schauen Sie mal da, das ist neu, da erkennt man die Lasur!“ Da staunt auch der Verwaltungschef. Maik Wolf erklärt, dass er seine Bilder zunächst am Computer aus Fotos zusammenstellt. Die einzelnen Details, wie ein kleines Häuschen, werden dann ins große Ganze hineinkomponiert.

„Die großformatigen Szenerien wirken verlassen“, stellte Museumschef Dr. Uwe Haupenthal lapidar fest. In den Architekturen erkannte der Kunsthistoriker einen „Zustand des Nicht-Beherrschbaren“, Unwirtlichkeit und Fremdheit in vielen Belangen.

Kritik am ungezügelten Fortschrittswahn der Menschheit? Gerade die Architektur in den Bildern habe sie gereizt, meinte Erika Spaude in ihrer Rede. Verheiratet mit einem Architekten, hat sie einen Sinn für ungewöhnliche Bauten. Erika Spaude hat gemeinsam mit Kerstin Knauer die Ausstellung für den Kunstverein realisiert. Die beiden Frauen haben quasi ferngesteuert die Bilderhängung konzipiert, mit Unterstützung des Künstlers.

„Das passte ja gerade vom Format“, meinte Wilfried Bockholdt. Und tatsächlich haben die Riesenwerke genau die Größe, die das Richard-Haizmann-Museum noch verträgt. Die Bilder zeigen Monumente, deren Zentren von Buchstaben belebt werden, umstellt von Bäumen und Büschen. „Wie Werbung“, so Uwe Haupenthal, „aber ohne Botschaft.“ Der Museumsleiter sah darin eine Annäherung an Arnold Böcklins bekanntes Werk „Toteninsel“. Andere Konstruktionen bewertete er als „beklemmend“, da sie an Wachtürme erinnerten. Eindeutig werde die Natur in nahezu allen Arbeiten an den Rand gedrängt, oder aber „sie bedrängt in einer Gegenbewegung die Architektur, was zu einer Überhöhung führt“. Die stetig wiederkehrenden dunklen Himmel geben den Bilderwelten eine „dramatische, aber auch eine romantische Note“. Die Kunstwerke seien klar strukturiert, „souverän vorgetragen“. Das interessierte auch den Bürgermeister. „Benutzen Sie, wie Nolde, einen großen Werkpinsel?“ Maik Wolf bestätigte das gern und ergänzte, dass er auch Schablonen und Spachtel zum Einsatz bringt. „Kunst ist vielleicht ein alternatives Angebot zum zivilisatorischen Irrsinn um uns herum.“ Diesen Irrsinn zeigt der Künstler ganz unverblümt. „Babylonisch-hybride Anmaßungen“, so Uwe Haupenthal in seiner Rede, „Und was das Schlimme ist: Diese Gebäude stürzen nicht einmal zusammen.“ Aufwühlend, anregend, sehr speziell.

Die Niebüller Kunstfreunde zeigten sich von der Ausstellung extrem herausgefordert. So gab es im Verlauf des abends noch viele spannende Diskussionen. Mittendrin Maik Wolf, der sich dem Gespräch stellte. Der 1964 in Prina geborene Künstler war angetan von der Neugierde der Nordfriesen und will unbedingt wiederkommen. „Bis dato hatte ich es nur bis Kiel geschafft.“ Die Nordsee musste am Freitag noch auf einen Besuch warten. Dramatische Himmel, wie in seinen Kunstwerken, konnte Maik Wolf dann am Tag darauf genießen. Mit Frau und Kind will er Niebüll im Sommer einen Besuch abstatten. „Kommen Sie am besten im Mai“, meinte der Bürgermeister. Blühende Landschaften in echt – der Kontrast zu den unbelebten Traumwelten, die der Künstler präsentierte. „Wir sind herausgefordert, den Irrsinn zu erkennen, bewerten, neu zu ordnen und zu überwinden“, sagte Uwe Haupenthal abschließend. Der Künstler drehe in der Tradition der Romantik „ein großes Rad“.

Die Ausstellung Sivriada bleibt in Niebüll noch bis zum 6. März. Weitere Ausstellungen von Maik Wolf sind in Marrakesch und auf Rügen zu sehen.

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