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Nordfriesland Tageblatt

20. Oktober 2017 | 00:47 Uhr

Die Unteilbarkeit der Menschenrechte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Sonderausstellung in der KZ-Gedenkstätte fand mit dem Vortrag „Der bagatellisierte Massenmord – Die ,Reichsscherbenwoche“ ihren Abschluss

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2014 | 11:16 Uhr

„8. November 1938 – ,Reichskristallnacht‘ in Schleswig-Holstein,“ so lautete der Titel einer Sonderausstellung, die nach sieben Wochen mit einem Vortrag des Zeithistorikers und wissenschaftlichen Mitarbeiters der „Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten“, Dr. Harald Schmid, beendet wurde.

Die Ausstellung war anlässlich der Einführung des neuen Gedenkstättenleiters Raimo Alsen im Dokumentenhaus der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund eröffnet worden. Zur Finissage hieß Raimo Alsen die zahlreich erschienenen Zuhörer willkommen und erinnerte an eine im Internet verfolgte Diskussion über ein aufgefundenes Foto. Dieses zeigt, wie Soldaten im Gleichschritt durch das mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Wahrzeichen der Stadt Flensburg, das „Nordertor“, marschieren. Schnell sei man sich einig geworden, dass dies nun einmal zur Geschichte Flensburgs gehöre und man nie vergessen dürfe, was damals passiert sei. Einige Diskussionsteilnehmer hätten sich über die Marschierenden lustig gemacht und sie spöttisch und zugleich verharmlosend „Karnevalisten“ oder „Lausbuben“ genannt, das Symbol auf der Flagge als „Idiotenkreuz“ bezeichnet. Ihr erkennbarer Schock, ein derartiges Bild aus Flensburg zu sehen, habe gezeigt: „Der Nationalsozialismus wird aufgrund von Geschichtsbüchern und Filmen doch lieber in Berlin verortet“, so Alsen.

Dr. Harald Schmid referierte über das Thema „Der bagatellisierte Massenmord – Die ,Reichsscherbenwoche‘ von 1938 in der deutschen Erinnerung.“ In seinem Vortrag ging er von dem Begriff der „Reichskristallnacht“ aus. Dieses Wort bezeichne das weltweit berüchtigte antisemitische Pogrom vom November 1938, erwecke aber klanglich den Eindruck, als habe es sich dabei lediglich um Sachbeschädigungen – brennende Synagogen, zerborstene Ladenfenster und -türen, verwüstete Wohnungen – gehandelt. Nichts deute auf erfolgte Körperverletzungen, Festnahmen oder gar Tötungen hin. Die staatlich propagierten und gesteuerten Übergriffe auf Juden, mit dem Ziel, sie zwar noch nicht auszurotten, aber zu vertreiben und sich ihr Eigentum anzueignen, dauerten auch weitaus länger als eine Nacht. Denn der von München aus entfesselte, systematisch organisierte reichsweite Überfall auf Deutschlands Juden ließ sich nur mit Mühe wieder bändigen.

Als Bilanz der „Pogromwoche“ zählte Schmid auf: 1400 zerstörte Synagogen und Bethäuser, mehr als 10 000 demolierte Geschäfte und Betriebe, ungezählte verwüstete Wohnungen, Alters- und Waisenheime, Schulen sowie Friedhöfe. Etwa 31 000 Männer ließ das Regime in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppen. „Damit“, so der Referent, „war ein Großteil der soziokulturellen Grundlage des deutschen Judentums binnen weniger Tage vernichtet.“ Das Ziel, die jüdische Rasse in Europa auszurotten, brachte Hitler erstmals im Januar 1939 im Reichstag zur Sprache. Als reales Fazit der Pogrome listete Harald Schmid auf: Mord und Totschlag, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Plünderungen, Diebstahl, Erpressung, Nötigung und Sachbeschädigung. All dies sei in aller Öffentlichkeit geschehen. Dennoch seien – trotz diverser Gerichtsverfahren in der Nachkriegszeit – die Täter bis heute nicht überall bekannt.

Zu der im Titel seines Vortrages anklingenden Verharmlosung des im Zusammenhang mit der „Reichskristall- oder Reichsscherbennacht“ erfolgten Unrechts führte der Referent aus: „Wenn man das Zusammenspiel von textlicher und bildlicher Repräsentation der Pogrome näher betrachtet, stößt man auf eine gleichsam weichgespülte Erzählung von jener als ,Reichskristallnacht‘ bezeichneten Gewalt.“ Die Fotos zeigten nur materielle Schäden als Folgen von Gewalt, aber keine Übergriffe auf Personen oder gar tote Juden. In den Texten sei die Gewalt- und Terrorwelle oft marginalisiert worden. Bei der Gedenkarbeit, so Harald Schmid, müsse man sich stets der Unteilbarkeit der Menschenrechte bewusst sein. „Deshalb sollte ein Datum wie der 9. November einerseits den Blick emphatisch in die Vergangenheit lenken, wie es andererseits genauso emphatisch für heutige Minderheiten- und Menschenfeindlichkeit sensibilisieren sollte.“




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