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Ende einer Tradition : Die Stadtranderholung Niebüll ist Geschichte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Die seit 55 Jahren bestehende, beliebte Ferienbetreuung der Kinder wird eingestellt / Awo-Ortsverein Niebüll fehlt es an jungen Ehrenamtlern

von
erstellt am 14.Jan.2016 | 10:54 Uhr

Seit 55 Jahren war die Stadtranderholung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) ein fester Bestandteil des Ferienprogramms in Niebüll. „2016 wird es sie nicht mehr geben“, berichtete Bürgermeister Wilfried Bockholt in der Ausschusssitzung für Schule, Kultur und Soziales. Sein Lob, Dank und seine Anerkennung galten der Familie Eisenstein und ihren Helfern. Susanne und Wolfgang Eisenstein hätten jährlich – inklusive Vor- und Nachbereitung – drei bis vier Wochen ihres Jahresurlaubs für das Ehrenamt eingesetzt, um während der Ferien zu Hause gebliebenen Kindern und Jugendlichen attraktive Alternativen zu bieten. „Das Ehrenamt benötigt viele Freiwillige, und manchmal sind Schultern irgendwann nicht mehr breit genug, es zu tragen“, so Bockholt. Ihm bleibe nur, den vielen Ehrenamtlern Danke zu sagen. „Das Fehlen der Stadtranderholung wird ein großes Loch in die Freizeitaktivitäten Niebülls reißen.“

Vor 14 Jahren übernahm Susanne Eisenstein (57) aus Emmelsbüll den Vorsitz des Awo-Ortsvereins und damit auch die Stadtranderholung. „Eine Verpflichtung“, sagt sie. Und eine Aufgabe, die viel mehr mit sich bringt, als es zunächst den Anschein hat. Traditionell kümmert sich das Stadtranderholungsteam in den ersten beiden Wochen der Sommerferien um die Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Es sind jene, die in den Ferien nicht wegfahren, weil ihre Eltern beispielsweise arbeiten müssen. „Die Kleinen werden häufig schon morgens um sieben Uhr zu uns gebracht und gegen 17 Uhr wieder abgeholt. Bis ich dann zu Hause bin, ist es häufig 18 Uhr“, berichtet die Vorsitzende. Täglich betreuen die Ehrenamtler in zehn Stunden etwa 80 bis 90 Kinder, bieten ihnen auf dem Gelände des TSV Rot-Weiß Niebüll ein buntes Programm. „Wir verdienen kein Geld damit, bekommen keine Fahrkosten oder Ähnliches erstattet.“ Was stetig anstieg, war die Arbeitsbelastung.

„Wir können es nicht mehr wuppen“, sagt die Vorsitzende. Nicht nur, dass ihre Helferinnen die 60 Jahre deutlich überschritten haben, Susanne Eisenstein spürt – wie ihre Mitstreiterinnen auch – die Grenzen ihrer Belastbarkeit, denn hauptberuflich arbeitet sie bei der Awo in Mildstedt als Einrichtungs- und Pflegedienstleitung, hat eine 60- bis 70-Stunden-Arbeitswoche. Vom Computer weg sitzt sie Zuhause häufig wieder vor dem Rechner, beantwortet Anfragen. „Noch jetzt wickele ich die Stadtranderholung 2015 ab, stelle Bescheinigungen aus und erhalte Mails von Eltern, die Dinge suchen, die ihre Kinder im Sommer haben liegen lassen. Und ich habe schon die ersten Anfragen für 2016.“ Nachdem ihr Mann Wolfgang sich nun auch aus dem Vorstand und der aktiven Arbeit zurückziehen musste, fehlt es an helfenden Männerhänden. „Zelte und Bänke schleppen und aufbauen – das alles ist für uns Frauen nicht zu machen.“

Weitere nicht zu unterschätzende Faktoren sind ein Rückgang der Kinderzahlen sowie die vielen Parallel-Angebote, die es mittlerweile gibt. Einige Schulen bieten in den ersten beiden Ferienwochen Betreuungen an – Pfadfinder, Kirchengemeinden und andere Organisationen haben sich ebenfalls diesen Zeitraum ausgesucht, um Aktivitäten zu organisieren. „Dabei haben die Sommerferien noch vier weitere Wochen“, beklagt Susanne Eisenstein die mangelnde Abstimmung. Letztere habe mit Familienbildungsstätte, Kitas, Niebüller Schulen, Haus der Jugend und Stadtmarketing hingegen gut geklappt. Auch das Spendenaufkommen hat im vergangenen Jahr merklich nachgelassen. „Es ist schwieriger geworden.“ Hinzu komme, dass die Anforderungen der Eltern gestiegen sind. „Das größte Problem aber ist das Personalproblem.“ Der Vorstand des Awo-Ortsvereins ist überaltert, jüngere Mitglieder sind nicht in Sicht.

Jetzt wird abgewickelt, war sich in 55 Jahren Stadtranderholung angesammelt hat, das Materiallager mit Tellern, Tassen, Bestecken und vielem mehr aufgelöst. Was bedauert sie am meisten? Susanne Eisenstein: „Der Zusammenhalt der Kinder geht verloren. Wir haben nicht nur gespielt, sondern auch morgens, mittags und nachmittags gemeinsam gegessen, auf eine ausgewogene Ernährung geachtet, Gemüse und Kartoffeln angeboten, einfach gesunde Dinge, die in der heutigen Fast-Food-Generation zu kurz kommen.“

Ihr Fazit: „Wir vom Ortsverein haben es wirklich gerne gemacht, aber wollen uns nun mehr um unsere Senioren kümmern.“ Und dann sind da noch ihre Enkel, mit denen sie künftig mehr Zeit verbringen möchte. „Und ich werde auch mehr Zeit für mich haben, vielleicht, um mal wieder ein Buch zu lesen.“

 

Ferienerlebnisse für Kinder

 

Spielen, toben, malen, Ausflüge   machen, Vorführungen erleben,  gemeinsam Essen und Spaß haben: All das machte die Arbeiterwohlfahrt Stadtranderholung  55 Jahre lang für Kinder  möglich. Ins Leben gerufen wurde sie vom damaligen Awo-Vorsitzenden Max Hahnl, fortgeführt von seinen Nachfolgern   Heinrich Jacobsen, Eleonore Motullo, Karl Johannes Karstensen und nun Susanne Eisenstein. Nach Karlum, Enge-Sande, Emmelsbüll und Oster-Schnatebüll fand die Arbeiterwohlfahrt mit ihrem Ferienprogramm vor mehr als 15 Jahren auf dem Gelände des TSV Rot-Weiß Niebüll in der Jahnstraße ein Zuhause und viel Unterstützung. Zum 50-jährigen Bestehen verlieh die Stadt Niebüll dem Awo-Team die Ehrenmedaille.

 

 

 

 

 

 

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