Heimat in Südtondern : „Die Sprache ist der Schlüssel für alles“

Die Familie Alsunaidar fürchtete den Tod und floh aus dem Jemen nach Europa.

shz.de von
30. Januar 2015, 05:30 Uhr

Schon beim Übertreten der Schwelle merkt man, dass man willkommen ist bei der Familie Alsunaidar. Ohne große Worte schwappt die Herzlichkeit und Gastfreundschaft über: Selbstgebackener Kuchen wird gereicht, Datteln, Saft und Selter. Ibrahim und Najla Alsunaidar kommen aus dem Jemen, leben mit ihren sechs Kindern seit vier Monaten in Leck und hoffen, dass ihr Asylantrag positiv entschieden wird.

In der volksdemokratischen Republik in Vorderasien tobt der Krieg zwischen Sunniten und Schiiten. Es kommt immer wieder zu terroristischen Anschlägen und Bedrohungen. Die Familie Alsunaidar geriet zwischen die Fronten der Religionsgemeinschaften und fühlte sich in Sana, der Hauptstadt des Jemen, nicht mehr sicher. Sie fürchteten um ihr Leben. Seit der Flucht 2008 liegt eine wahre Odyssee hinter der Familie.

Zunächst gelangen sie nach Ägypten, das fünf Jahre ihr Zuhause werden sollte. Doch der Traum war, nach Europa zu gelangen. In Kairo nahm Vater Ibrahim jeden Job an, legte Ersparnisse an und flog mit Ehefrau und Kindern nach Schweden. Ihr Aufenthalt sollte hier nur fünf Monate dauern, bevor sie nach Tschechien abgeschoben wurden. „In Schweden sind wir zur Schule gegangen, haben deren Landessprache und nebenher Englisch gelernt“, erzählt die 18-jährige Alya, die jetzt bereits sehr gut deutsch spricht. In Tschechien kamen sie in einem kleinen Dorf an der polnischen Grenze unter. Das Leben gefiel ihnen nicht, wie Ibrahim Alsunaidar erklärt: „Dort konnten die Kinder nicht in die Schule gehen, es gab keine Arbeit und keine Zukunftsaussichten. Nur essen und schlafen – das wollten wir nicht!“ Er fand einen „Schleuser“, der die Familie für viel Geld mit einem Auto nach Kiel fuhr. 18 Stunden dauerte die Fahrt bis zur Fähre, die sie nach Schweden bringen sollte. Doch auch dieser Traum platzte: Stress löste bei Vater Ibrahim eine Herzattacke aus. Sanitäter brachten ihn ins Krankenhaus und den Rest der Familie in die Erstaufnahmestelle nach Neumünster. Einen Monat später mussten sie wieder ihre paar Habseligkeiten packen und kamen in die Gemeinschaftsunterkunft nach Niebüll. Der Umzug nach Leck erfolgte wiederum einen Monat später. In Leck leben zurzeit 54 Asylbewerber in 23 Bedarfsgemeinschaften. Nach einem bestimmten Schlüssel muss der Kreis insgesamt 12,6 Prozent der in Schleswig-Holstein ankommenden Asylbewerber aufnehmen.

Was die Familie aus dem Jemen auszeichnet, ist ihr unglaublicher Wille zur Integration. „Die Sprache ist der Schlüssel für alles“, sagt Alya. Dass diese Aussage nicht nur eine leere Worthülse ist, bewies die 18-Jährige auf dem Neujahrsempfang der Gemeinde im Rathaus: In perfektem Deutsch wünschte sie den Nordfriesen ein frohes neues Jahr. Wie sie lernen alle Familienmitglieder die neue Sprache, die Kinder gehen in Niebüll zur Schule, besuchen Sprachkurse und lernen intensiv Zuhause per Internet und mit Büchern weiter: Mutter Najla und Vater Ibrahim, während Zaid (sechs Jahre) sich über das deutsche Mathematikbuch beugt, kräht die kleine Haura (sieben Monate) lustig herum. Haidar ist elf Jahre jung, Alyas große Schwestern Noor 19 und Noora 21 Jahre alt.

Sie fühlen sich wohl in Leck, bewohnen zwei übereinander liegende Vierzimmerwohnungen und haben genügend Platz. „Wir fühlen uns sicher hier. Es ist besser, als in einer Großstadt zu leben“, überlegt Ibrahim Alsunaidar. Die Menschen im hohen Norden Deutschlands bezeichnet er als freundlich, den Pastor Stefan Möbius gar als seinen Freund: „Er besucht uns einmal in der Woche.“ Unterstützung findet die Familie auch von Monika Hahn-Naninga, der Koordinatorin des Runden Tisches für Flüchtlinge in Leck.

Gibt es einen Wunsch für die Zukunft? „Sicherheit, Schule und Bildung für die Kinder“, bringt der Familienvater seine Hoffnungen auf den Punkt. Seine Gedanken schweifen weiter: In Sana hat er als Ticketverkäufer auf dem Flugplatz gearbeitet. Jetzt möchte er möglichst schnell wieder einen Job haben: „Es ist egal was ich mache, ich möchte nicht untätig herumsitzen.“ Große Pläne beschäftigen Noora und Alya: Erzieherin beziehungsweise Zahnärztin möchten sie werden.

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