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Nordfriesland Tageblatt

24. September 2017 | 01:48 Uhr

Unteres Treenetal : Die Schäferin vom Tal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Angela Dornis ist Schäferin aus Leidenschaft. Auch wenn für Romantik in ihrem Beruf kaum Platz ist, im Unteren Treenetal ist die Welt noch in Ordnung.

Stadum | Bei der Autobahnauffahrt Tarp geht es durch apokalyptisches Gelände, vom Orkan ist der Wald entwurzelt, abgebrochene Äste splittern in den Himmel. Zottelige Kühe grasen orangefarben, mehrere Abzweigungen, man hält am Ende der Welt nichts mehr für möglich. Und dann ein großer Holzstall: „Schäferei Unteres Treenetal“. Lämmer und ihre Mütter schreien durcheinander, nach unserem Besuch, auf der Bank in der Sonne sitzend, ist der Impuls stark zum Kind zu laufen.

Zwei Drittel aller Lämmer sind bis jetzt geboren, sie tragen Farbklekse im Fell, die gleichen wie ihre Mütter. Im September ließ Angela Dornis die Böcke zu den brünstigen Mutterschafen, zweihundert Schafe stehen im Stall, zweihundert Jährlinge noch einmal draußen auf der Weide, das sind die Einjährigen, die noch zu jung zur Vermehrung sind. Es sind weiße gehörnte Heidschnucken, eine alte Rasse, halb so schwer wie Fleischschafe. Diese Schafe können über Zäune springen, sind fast nie krank, die Geburten schaffen sie auch.

Vier Wochen wird der Kinderhaufen noch im Stall weiterblöken, dann können auch sie raus auf die Weide. Man kann sich nicht satt sehen an diesem Gepurzel, wie ein riesiges Elternschlafzimmer, in dem die Geschwister ihre Eifersucht austoben. Ein Mutterschaf kniet, das Kind klettert auf seinen Rücken; ein zweites dunkles kommt plötzlich an – woher hat es seine dunkle Farbe? Wenn Zwillinge nicht satt werden, helfen die Kinder der Schäferin mit Fläschchen nach.

Angela Dornis ist Landschaftspflegerin, ihre vierbeinigen Assistenten verhindern die „Verbuschung“. 80 Hektar Weideland sind ihr vom Land Schleswig-Holstein anvertraut. In den zwölf Jahren, seit sie das Gebiet betreut, hat sich die Vegetation schon verändert. Der Boden wird ausgemagert; früher war dies gedüngtes Ackerland. Und tatsächlich entstehen wieder Blühpflanzen, die Schäferin findet im Moos Knospen rosaner Blüten. Auf dem Geestboden, heller Sand, stehen Hinkelsteine herum; die Welt hat ihre Ruhe wieder gefunden.

Die Klauen der Schafe muss Angela Dornis nicht schneiden. Sie reiben sich auf dem harten Boden ab, wenn sie ihre Touren machen, zum Beispiel auf den sieben bis zehn Kilometern nach Langballig zur Winterweide. Über Nacht bleiben sie dann in einem Pferch, einem Zaun, den Dornis geschwind setzt.

Die Schäferin, die in der Gegend jeder kennt, lehnt sich auf ihren Holzstab. Ob ihr manchmal einsam zumute ist? „Nö!“ Ein fröhlicher Haarbuschel wippt am Hinterkopf. Wenn sie ihre Hunde ruft und am Karabinerhaken am Halfter ihrer Hose festknüpft, ist ihre Stimme sanft. „Fliege, du bist ein freches Luder!“ gilt der Ziege, als diese eine Weide anknabbert. Die Ziegen, Toggenburger aus der Schweiz, überragen die Schafe um einen Kopf, die Hörner nochmals um eine Länge. Hannibal, das Leittier, soll keine Osterglocken fressen!

Tiere, zu denen Dornis einen persönlichen Bezug hat, dürfen alt werden. Jedoch „manche müssen in die Salami.“ Alle werden einmal im Jahr geschoren, das macht sie mit Hilfe eines Scherers Anfang Juni selbst. Ein Händler aus Holland zahlt 20 Cent pro Kilogramm. Die Schnuckenwolle ist grob und filzig, sie wird als Dämm-Material benutzt. Ein paar Freunde filzen und weben. Manchmal nimmt sie sich Wollflusen und bastelt mit einer Handspindel.

Angela Dornis weiß sich im Winter anzuziehen, Schicht um Schicht, der schwarze Filzhut liegt zu Hause im Schrank, einen bodenlangen Umhang hat sie auch, aber es geht nicht um Nostalgie.

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