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Nordfriesland Tageblatt

19. August 2017 | 04:25 Uhr

Mobilität : Die Pendler-Region

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Von A nach B mit Bahn, Bus, Fähre oder Pkw: Über die Hälfte aller Südtonderaner legt mehr als 25 Kilometer pro Strecke zur Arbeit zurück

Frühstück isst Broder Ingwersen (61) oft nicht mit seiner Frau, sondern mit den Männern vom Fahrertisch auf der Sylt-Express-Fähre. Die meisten Kunden hat der Bauunternehmer aus Neukirchen auf Sylt, weshalb er mehrmals in der Woche mit seinem Lkw zu den Baustellen auf der Insel fährt. Dann heißt es um 4.30 Uhr aufstehen, um erst zum Lager, anschließend zur dänischen Insel Röm zu fahren, um schließlich rechtzeitig auf der 6.45-Uhr-Fähre nach List zu sein. Eine Anfahrt, die viel Zeit und besonders in den Wintermonaten manchmal auch starke Nerven kostet. Broder Ingwersen ist Pendler, wie so viele hier in der Region.

Auf dem Land kann es bekanntlich länger dauern, um vom Wohnort A zur Arbeitsstätte nach B zu kommen. Die Südtonderaner nutzen dafür Bahn, Bus, Fähre oder Pkw in alle Richtungen, wobei der Weg besonders vieler Beschäftigter immer noch nach Sylt führt. Laut Statistik pendeln insgesamt rund 3300 Südtonderaner (Quelle: IFS Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik) zur Insel, allein aus Niebüll sind es 900.

Wer heutzutage arbeiten will, muss flexibel sein – so wie Ilona Petersen aus Aventoft. Die Sozialpädagogin fährt jeden Tag mit ihrem Auto nach Kliplev in der Nähe vom dänischen Apenrade. Pro Strecke sind das etwas mehr als 40 Kilometer, womit sie jedoch noch nicht als Vielpendler (über 50 Kilometer pro Strecke) gilt. Für die Hin- und Rückfahrt benötigt die 35-Jährige im Durchschnitt je eine Dreiviertelstunde – für die Aventofterin dennoch keine Besonderheit. Ilona Petersen bringt es auf den Punkt: „Ich kenne viele, die auch lange unterwegs sind.“

Pendeln ist heutzutage Usus. Früher war das anders. Damals arbeiteten die Menschen noch dort, wo sie auch wohnten, weil es an der Infrastruktur mangelte. Anfang des 20. Jahrhunderts verließ nur jeder Zehnte auf dem Weg zur Arbeit seinen Wohnort. Vor 60 Jahren war es noch jeder Vierte. Heute zählt im Bundesdurchschnitt bereits die Hälfte der Erwerbstätigen zu den Berufspendlern.

Dass die Zahl der Pendler stetig steigt, hat viele Gründe. Bei den Sylt-Arbeitskräften sind es vor allem die hohen Mietpreise, die ein Wohnen auf der beliebten Insel unmöglich machen. Aber auch Heimatverbundenheit spielt bei der Wahl des Lebensmittelpunkts eine große Rolle. Ilona Petersen beispielsweise schätzt die Vertrautheit in ihrem Dorf und will daher vorerst nicht nach Dänemark ziehen. Als Ursache für die zunehmende Pendelei spielen auch veränderte Lebensverhältnisse eine Rolle. Immer häufiger gibt es in den Familien zwei Verdiener, die jedoch nicht unbedingt im selben Ort arbeiten. So wird ein Wohnort gewählt, der für beide verkehrsgünstig liegt. Und auch die Berufe erfordern mehr Flexibilität. Ob Meetings in Firmenstandorten oder Außenstellentermine, die Aktionsradien der Erwerbstätigen erweitern sich.

Laut Umfragen empfinden die Arbeitskräfte in den größeren Städten ein Pendeln durch den Berufsverkehr sowie in den häufig überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln als Belastung. Außer in den Wintermonaten sehen die befragten Südtonderaner hingegen die zu bewältigen Strecken nicht als eine große Einschränkung ihrer Lebensqualität an. Eine Fahrt mit dem Zug zur Arbeit könne durchaus entspannt sein – solange er auch pünktlich kommt.

Die Flensburgerin Heike Bockhorn (28) arbeitet bei DuPont/Danisco in Niebüll als wissenschaftliche Assistentin. Morgens nutzt sie um 5.50 Uhr den Schnellbus der Autokraft, um zu entspannen oder noch etwas zu schlafen. Auch Ilona Petersen langweilt sich nicht bei der Autofahrt, weil sie die Zeit oft damit verbringt, Musik zu hören, sich mental auf den Arbeitsalltag vorzubereiten oder abzuschalten. Broder Ingwersen wiederum kommt erst auf der Fähre dazu, etwas zu frühstücken. Beim Sylt-Express ist bei den Lkw-Tickets ein Verzehrcoupon immer mit dabei, und für die Fahrer steht ein Extratisch im Restaurant bereit. „Man kennt sich“, sagt Broder Ingwersen, zu dessen Fahrschein daher nicht nur zwei halbe Brötchen mit Kaffee dazugehören, sondern auch der morgendliche Plausch am Fahrertisch. „Mich stört die fast zweistündige Fahrt nicht“, resümiert der Neukirchener. „Sie ist eher unterhaltsam.“

 

 

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erstellt am 14.Mär.2015 | 05:00 Uhr

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