zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

21. August 2017 | 10:35 Uhr

Die letzten Degen-Stiche

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Sylter Satiriker auf Abschiedstournee: Manfred Degen hat im Landjugendheim Neugalmsbüll seinen finalen Auftritt auf dem Festland gegeben. Dabei hat er wie eh und je die Lachmuskeln seines Publikums gekitzelt und auf den Zugverkehr geschimpft.

„Ich habe in Westerland den Zug bestiegen. Jetzt bin ich da. Ist das nicht toll?“ Mit dieser Frage tippte der Sylter Kabarettist Manfred Degen (68) auf die ärgerlichen Verhältnisse an, die sich noch kurz zuvor auf 40 Kilometern Bahnstrecke zwischen Sylt und Niebüll abspielten. Dass mit dem neuen Winterfahrplan und dem Wechsel von der NOB zur DB eine Besserung eintreten soll, dessen war sich der Degen noch nicht sicher.

Sicher hingegen waren sich knapp 100 Fans aus der Koogsgemeinde Galmsbüll und der näheren Umgebung, dass sie Maestro Degen auf dem nordfriesischen Festland zum letzten Mal live erlebten. Leider. Denn: Manfred Degen hört auf. Seine Karriere als „Sylter Schnauze“ beendet er am 30. Dezember dort, wo er 25 Jahre als Beamter der Deutschen Bundesbahn und danach nochmals eine gleiche lange Zeit als Kabarettist und Vertreter des Genres Humor draufsetzte, während der er Menschen mit seiner urigen Performance erfreute und deren Lachmuskeln kitzelte.

Ein Trost bleibt. Denn Degen wusste nicht nur seine spitze Zunge auszufahren. Er verstand es auch, das gesprochene Wort messerscharf und „bücherweise“ zu Papier zu bringen. Ein nachhaltiges Echo bleibt den Lesern des sh:z vorerst noch im Schleswig-Holsten-Journal erhalten. „Wie schön“, flüsterte man sich im Neugalmsbüller Landjugendheim zu, wo Degen bei seiner festländischen Abschiedsgala wie gehabt eine Serie von Breitseiten abschoss.

Logisch eigentlich, dass der (leidgeprüfte) Sylter zuerst die Bahn aufs Korn nahm, ein Verkehrsunternehmen, bei dem er die Aufenthalte in Niebüll als Höchststrafe empfand und dessen lukrativer Streckenabschnitt Niebüll-Westerland unter dem Syndrom „partikuläre Eingleisigkeit“ leidet, das Minister Dobrindt in seinen Plänen für das deutsche Streckennetz bis 2030 mit keinem Wort erwähnt. Dafür vergaß der Kritiker Degen die Autozug-Neuerung auf dieser Strecke nicht – die „Railroad Development Corporation“ oder RDC Deutschland, und warnte vor kritischen Äußerungen über das „blaue Elend“, weil man abgehört werden und sich ein Waterboarding einhandeln könnte.

Der Kritik an der Bahnstrecke folgte die lustige Liebeserklärung für die multilinguale Region mit ihrer „roten Grütze mit Sahne“ und wo man „lieber tot als Sklave“ sein möchte und schnell Sprüche drauf hat, mit zuweilen sogar chinesischem oder holländischem Zungenschlag. Degen lässt auch anklingen, wo er überall war. Mal war es die Kreuzfahrt auf den Weltmeeren, mal der Wahlabend auf Hallig Gröde, von der die ARD stets das erste Wahlergebnis meldete. Und immer wieder kehrt er auf seine Insel zurück – auch zur wartenden Autozugschlange, die bis vor seine Haustür reicht, und zum Glascontainer, wo er Gespräche unter „süffisanten Tanten“ belauscht.

Degen lässt immer wieder seine Beobachtungsgabe anklingen und die Fähigkeit, Sorgen, Nöte und all das zu analysieren, was die Leute bewegt. Es versteht es meisterhaft, seine Beobachtungsgabe in ein eloquentes Wortspiel einzufügen, egal ob es die Schlange vor dem Autozug nach Niebüll ist oder der Strom, der aus Gülle gemacht wird. Regionale Rivalitäten kommen bei ihm ebenso zu Wort wie die Frage, wer auf wen gerade stinkig ist. Die insularen Nachbarn lässt er ebenso wenig aus wie zweiklassige Interpreten, denen es gelingt, sogar ein Bachsches Werk zu zerstören, indem sie Passagen aus den Oratorien mit behandschuhter Hand auf der Blockflöte spielen.

Manfred Degen lässt seinen letzten Auftritt auf dem Festland mit einem „Rückblick“ auf das Jahr 2017 ausklingen: Ursula von der Leyen bewirbt sich für das Amt der Bürgermeisterin auf der Insel und plädiert für einen Anschluss Sylts an Dänemark. Im Fernsehen wird eine Weihnachtsansprache aus dem vergangenen Jahr gesendet – und keiner merkt das. „Und meine Weihnachtskolumne ist auch fertig, wird ab erst gedruckt, wenn es die Zensur gestattet.“ Manfred Degen verbeugt sich zum Abschied vor einem dankbaren Publikum. Die Galmsbüller drücken ihm die Daumen, dass er seine Insel erreicht und in Westerland sagen kann: „Ich habe es wieder einmal geschafft. Das ist doch toll! Oder?“.

zur Startseite

von
erstellt am 19.Dez.2016 | 18:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen