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Interview : „Die Energiewende wird ausgebremst“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Ellhöfter Wind-Pionier Reinhard Christiansen ist mit den neuen Regionalplänen der Landesregierung noch nicht zufrieden

Am Dienstag, Nikolaustag, holte die Landregierung sozusagen die neuen Regionalpläne aus dem Sack. Wenn Sie sich als Landesvorsitzender des Bundesverbands Windenergie nun die Vorranggebiete auf den Karten anschauen, welche Emotionen überwiegen: Freude? Sorge? Ärger?
Reinhard Christiansen: Erst einmal danke ich der Landesplanung. Endlich ist es ihr gelungen, der Öffentlichkeit ein Planungszwischenergebnis zu präsentieren. Das Ergebnis selbst erzeugt bei mir aber Unverständnis! Ich hätte mir mehr Mut seitens der Landesregierung für die Förderung Erneuerbarer Energien gewünscht. Die Energiewende darf nicht ausgebremst werden, was sie aber wird. Warum sollten nur knapp zwei Prozent der Landesflächen als Vorranggebiete für den Windkraftausbau vorgesehen sein? Schleswig-Holstein als das Land zwischen den Meeren müsste doch viel mehr seiner Vorreiterrolle gerecht werden. Ich erwarte deshalb, wo immer geeignete Flächen vorhanden sind, sollten diese auch ausgewiesen werden. Wir müssen die Atomkraftwerke ersetzen und sind dem notwendigen Klimaschutz verpflichtet. Ganz einfach.

Wobei das so einfach nun doch nicht ist. Die Pläne sind raus – und nun?
Die vorgestellten Landespläne sind kein Endprodukt, das sollte allen klar sein. Es werden noch ein oder zwei Anhörungsverfahren stattfinden. Es wäre ja eine Farce, wenn nicht noch Änderungen möglich wären – sowohl seitens der Windkraftbefürworter, aber natürlich auch der Gegner. Jetzt ist jeder gefordert, Stellung zu beziehen – fachlich begründet.

Was stört Sie?
Ich kann nicht nachvollziehen, warum man so wahnsinnig viele Anlagen außerhalb von Vorranggebieten lässt. Beispielsweise habe ich wenig Verständnis dafür, wenn die Küstenzone plötzlich massiv freigehalten werden muss. Wir haben in Schleswig-Holstein über 1300 Mühlen, die laut der Pläne nicht in Vorranggebieten stehen. Sie haben zwar Bestandsschutz, das heißt, sie dürfen vorerst erhalten bleiben, später aber nicht mehr durch neue ersetzt werden. Ich gehe aber davon aus, dass viele dieser Mühlen sich durchaus in geeigneten Gebieten befinden, schließlich haben sie ja mal eine Genehmigung erhalten. Warum sollte diese jetzt nicht mehr zählen? Was sollen die Kommunen sagen, die vorher vielleicht Bedarfsgemeinden waren und nur dank der Windkraftanlagen aus den roten Zahlen gekommen sind? Die freuen sich sicher nicht, wenn sie in ein paar Jahren ihre Anlagen abbauen müssen. Jede Gemeinde sollte daher genau prüfen, warum ihre Flächen nicht Vorrang haben. Es wird sicherlich nicht auf einmal ein Seeadler dort brüten, und Hauptvogelflugschneisen sind jetzt bestimmt auch nicht im Windparkgebiet dazugekommen. Das einzige, was sich tatsächlich geändert hat, das ist die Abstandsregelung zur Wohnbebauung.

Musste früher ein Abstand von 300 Metern zu Einzelhäusern und 500 Metern zum Dorf eingehalten werden, gelten nun 400 sowie 800 Meter. Reiben sich daran die Windmüller?
Nein, im Grunde nicht. Wo die Abstandsvorgaben nicht eingehalten werden können, da müssen wir als Verband es akzeptieren, dass nicht jede Anlage repowert werden kann. Es bringt auch nichts, sich über jeden Meter zu streiten. Was aber die Protestinitiative „Gegenwind“ und einige Oppositionsparteien fordern mit 1200 Metern, das kann man in Schleswig-Holstein nicht anwenden, sonst hätten wir überhaupt keine geeigneten Flächen.

Mehr Abstand soll aber mehr Akzeptanz bei den Bürgern schaffen.
Weil niemand direkt vor seiner Haustür eine Anlage stehen haben möchte. Entscheidend ist aber nicht der Abstand, sondern die Schall- und Schattenbelastung. Die Immissionswerte müssen eingehalten werden. Vor einigen Jahren war angedacht, im Wattenmeer vor Nordfrieslands Küste ein Atomkraftwerk zu errichten. Dagegen hätten wir uns solidarisch gewehrt. Jetzt sollten die Schleswig-Holsteiner gemeinsam die Chance der Energiewende nutzen.

Nordfriesland gehört zu den Regionen, die künftig weniger Windkraftanlagen aufstellen können. Ausgerechnet Ihr Wohnort Ellhöft, wo Sie selbst als Geschäftsführer mit 270 Bürgern 13 Windkraftanlagen betreiben, ist deutlich betroffen. Keine einzige der Anlagen steht womöglich auf einer Vorrangfläche. Pech für Sie als Pionier der Branche?
Ja, aber ich stecke deshalb nicht den Kopf in den Sand. Die Entscheidung ist nicht nachvollziehbar. Wir sind keine Vorrangfläche geworden, weil die Anlagen unter 1200 Meter zu einem Vogelschutzgebiet in Dänemark stehen. Wenn man aber sieht, dass im Nachbarland sechs Anlagen entstehen sollen, die einen Abstand von nur 150 Metern zum Vogelschutzgebiet haben, dann haben wir gute fachliche Gründe, um gegen die Entscheidung vorzugehen. Ein bereits bestehender Windpark mit Infrastruktur wie Wegebau, Kabel und Umspannwerk muss mehr zählen.

...mehr zählen als der Vogelschutz?

Vor Errichtung der ersten Windkraftanlagen in Ellhöft mussten wir ein grenzüberschreitendes Vogelgutachten anfertigen. Zehn Jahre später haben wir auf freiwilliger Basis noch einmal, unabhängig von neuen Anlagen-Planungen, ein Vogelgutachten über das untersuchte Gebiet angefertigt – mit dem Ergebnis, dass trotz Windkraftanlagen der Bestand nicht zurückgegangen ist.

Kaum dass die neuen Regionalpläne nun also raus sind, will natürlich jeder Akteur – ob Gegner oder Befürworter – sich für seine Interessen einsetzen...

... und die Pläne zu seinen Gunsten noch ändern. Das wollen wir Windmüller auch. Die Landesplanung hat endlich etwas auf den Tisch gelegt, nun haben alle Betroffenen ab dem 27. Dezember vier Monate Zeit, um Stellung zu beziehen. Ich rechne mit massiven Einsprüchen gegen die jetzigen Pläne. Am Ende der neuen Landesplanung sollte aber stehen, dass die Schleswig-Holsteiner die Energiewende wieder auf Kurs bringen und solidarisch das Endergebnis tragen.


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erstellt am 09.Dez.2016 | 05:30 Uhr

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