Die „Deutschstunde“ als szenische Lesung

deutschstunde

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08. Mai 2015, 15:01 Uhr

Nur wenige Tage vor dem 70. Jahrestag des Kriegsendes wurde die bedrückende Enge des Nationalsozialismus in der Nolde-Stiftung in Seebüll greifbar: Das Theater Baden Baden brachte hier, ermöglicht durch den Freundeskreis der Nolde- Stiftung, Teile der „Deutschstunde“ als szenische Lesung auf die Bühne. In dem zentralen Werk der deutschen Nachkriegsliteratur hat Siegfried Lenz – inspiriert von der Biografie Emil Noldes – ein entlarvendes Portrait von Schuld und Pflicht in Zeiten der Diktatur hinterlassen. Hauptfigur der Erzählung ist der junge Siggi. Seine Kindheit in einem kleinen Dorf oben im Norden ist geprägt von dem Konflikt zwischen dem Gehorsam gegenüber seinem linientreuen Vater und der Faszination durch den eigenbrötlerischen Maler Nansen.

Schauspieler Michael Laricchia (Foto) las über 70 Minuten eindringliche Passagen aus dem Werk, die sich mit akustischen Szenen abwechselten. Der Vortrag Laricchias trug die Zuhörer mitten in die Gedankenwelt des heranwachsenden Siggi. Lebhaft wie glaubhaft vermittelte die Lesung so die Zerrissenheit des Protagonisten. Die Einspielungen erwiesen sich hier als ideales Stilmittel. Der Wechsel ließ den lesenden Siggi jedes Mal als Staunenden zurück und unterstrich damit auch eine Verlorenheit, der im Nationalsozialismus jeder Zweifler ausgesetzt gewesen sein musste.  


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