zur Navigation springen
Nordfriesland Tageblatt

22. August 2017 | 20:32 Uhr

Protest der Landwirte : Der unerwünschte Wald

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In Sprakebüll soll auf gutem Ackerboden ein 30 Hektar großer Wald entstehen – was ortsansässige Landwirte kritisieren.

Als in Nordfrieslands Gemeinde Lütjenholm vor zwei Jahren 18 Hektar Wald am Galgenberg gerodet wurden, war die Verwirrung in der Bevölkerung groß. 70 Jahre alte Sitkafichten und japanische Lärchen mussten einem Projekt der „Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein“ weichen, um einen Trockenrasen-Lebensraum wiederherzustellen. Dabei ging es darum, bedrohten Tier- und Pflanzenarten wie dem Goldenen Scheckenfalter (Tier) und dem Teufelsabbiss (Pflanze), die allesamt dem seltenen Lebensraumtyp „Binnendüne“ angehören, eine neue Heimat zu bieten. Ein Kahlschlag, der aber trotz der guten Absichten auf heftige Kritik stieß. Wald gefällt nun einmal, weil der Mensch ihn kennt und zu nutzen weiß. Und wer kannte vorher schon den Falter?

Dr. Walter Hemmerling, Geschäftsführer der Stiftung Naturschutz, kann sich noch gut daran erinnern, dass die gesamte Diskussion mehr als nur recht emotional verlief. Sogar bundesweit wurde es laut um die damals geplante Idylle. Um die Gemüter zu beruhigen, entschloss sich die Stiftung, 18 Hektar Wald an anderer Stelle zu schaffen. So entstanden im Jahr 2014 mehrere bewaldete Ausgleichsflächen in Nordfriesland.

Nun steht ein neues Projekt an. Diesmal aber will die Stiftung nicht roden lassen, sondern aufforsten. Und ein bisschen sonderlich mit Blick auf den Lütjenholmer Kahlschlag klingt es dann im ersten Moment schon, wenn Dr. Hemmerling dies damit begründet, dass Nordfriesland zu den waldärmsten Gebieten in ganz Deutschland gehört – was es zu ändern gelte, denn nur rund zehn Prozent der Gesamtfläche bestehe aus Wald.

Anfang November konnte die Stiftung von einem Landwirt aus Sprakebüll, der seinen Betrieb aufgab, insgesamt etwa 40 Hektar Ackerland kaufen, um hier eine sogenannte Wildnis zu schaffen. Auf der zusammenhängenden Fläche, die im süd-westlichen Teil der Gemeinde liegt, sollen neben zehn Hektar Grünland auch 30 Hektar Wald entstehen. Im Herbst nächsten Jahres wird aufgeforstet. Eine Maßnahme, um die biologische Vielfalt in Schleswig-Holstein zu fördern. Denn Wald ist nicht gleich Wald. Und Nadelhölzer wie Fichten sind im Auge der Naturschützer für die Region weniger erstrebenswert, da sie standortuntypisch sind. Buchen und Linden dagegen schon.

Anfangs wird die Waldfläche umzäunt, um sie vor Tieren und Menschen zu schützen. Später wird sie sich selbst überlassen, um den dynamischen Kräften der Natur freien Lauf zu lassen. Beispielsweise Bäume, die durch Stürme umfallen, werden dann zu neuen Biotopen – das Prinzip der geplanten Wildnis.

Was kann schlecht daran sein? Nun sind es Landwirte, die sich beklagen, denn der Sprakebüller Wald in spe wird ausgerechnet auf gutem Boden entstehen, und dagegen hat Wolfgang Stapelfeldt vom Bauernverband etwas. „Dass ein Landwirt sein Land lieber an die Stiftung verkaufen wollte, als an einen anderen Bauern, das können wir nicht kritisieren. Das ist sein gutes Recht. Wir bemängeln aber, dass die Stiftung als jetzt schon größter Landeigentümer mit Gewalt immer mehr Flächen aufkauft, statt sich um die bereits im Besitz befindlichen besser zu kümmern. Ich kann Ihnen Flächen zeigen, da wachsen nur Brennnesseln. Das ist falschgemachter Naturschutz“, so Stapelfeldt. „Für Wald sind minderwertige Areale geeignet, die nicht zur Nahrungs- und Energieerzeugung taugen. Letztendlich erhöht sich sonst für die Landwirte nur immer mehr der Flächendruck.“

Sprakebülls Bürgermeister Karl-Richard Nissen ist sich im Klaren darüber, dass mit dem bereits vollzogenen Verkauf sowieso der Drops gelutscht ist. „Wir können nichts mehr dagegen unternehmen“, sagt er. „Für die Landwirte wäre das Ganze kein Problem, wenn es um naturnahe Flächen gehen würde, von denen gibt es genug an der Lecker Au. Wir reden aber von hochwertigem Ackerland“, bemängelt auch er.

Aber nur auf gutem Boden kann sich ein kräftiger Wald entwickeln. Und warum solle Wald lediglich auf den minderwertigen Flächen entstehen dürfen? Das fragt sich Dr. Walter Hemmerling. Um verschiedene Vegetationen und damit Biotope zu schaffen, sei auch bei der Auswahl der Böden Vielfalt geboten.

Der Biologe kann nachvollziehen, dass die Landwirte von den Plänen nicht begeistert sind. „Die restliche Bevölkerung sieht die Maßnahme aber als eine Bereicherung des Heimatbildes“, ist er überzeugt. „Unter anderen Umständen würde man vielleicht ein bisschen mehr Rücksicht nehmen und über Alternativen nachdenken“, räumt er dann jedoch ein. „Hier geht es aber um den ausdrücklichen Wunsch des Verkäufers, mit dem die Stiftung übereinstimmt, dass in Sprakebüll ein artenreicher Naturwald entstehen soll – als wichtiger Trittstein für das Biotopverbundsystem in Schleswig-Holstein“, betont der Geschäftsführung der Stiftung Naturschutz. „Und so ärgerlich das vielleicht für die Landwirte ist, wir sehen es natürlich gern, dass wir auch einmal guten Boden kriegen und nutzen können – wir wären ja verrückt, es nicht zu tun.“

zur Startseite

von
erstellt am 19.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen