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Nordfriesland Tageblatt

21. Oktober 2017 | 17:01 Uhr

Porträt : Der Tatort-Tote stammt aus Rodenäs

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Schauspieler und Improvisationskünstler Enno Kalisch tritt am 3. und 4. September in Südtondern auf. Wann immer es seine Zeit zulässt, besucht er seine Heimat.

shz.de von
erstellt am 31.Aug.2013 | 08:00 Uhr

Rodenäs „Ich mache das, was mir gefällt. Es ist ein Luxus, und es gibt so viele Möglichkeiten.“ Enno Kalisch ist Film- und Fernsehschauspieler, und auf der Bühne sehr häufig als Improvisationskünstler zu sehen. Der 40-Jährige stammt aus Rodenäs. Mit seiner Familie lebt er in Bonn. Aber wann immer es seine Zeit zulässt, besucht er seine Heimat.
So auch jetzt. „Diese Gegend hier hat mich geprägt. Hier oben gibt es eine besondere Form der Stille. Hier ist alles intensiver, der Wind, die Spannung. Das wirkt befriedigend, euphorisierend. Daraus kann ich schöpfen.“ Viele persönliche Erinnerungen verbinden ihn mit Südtondern: „In der FPS-Aula in Niebüll bin ich damals mit der Schulband aufgetreten, habe mit der 12. Klasse meine erste Theateraufführung absolviert, im Café Kö haben wir bei nächtlichen Auftritten bis drei Uhr morgens Bluesmusik improvisiert. „Das Meer fehlt mir“, gibt er zu. „Ich war oft am Deich, habe gesungen und Musik gemacht.“ Und immer noch gilt: „Ich bin im Herzen und im Kopf von hier.“

Seither hat sich eine Menge in seinem Leben getan. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Schauspieler werden würde. Ich habe mich eher bei der Sprechkunst und Literatur oder der Musik gesehen. Nach dem Zivildienst bin ich eines Tages in Kiel, ohne zu f ragen, in die Schauspielschule mitten in den Unterricht ’eingedrungen’. Einfach so. Dort wolle man mich zunächst rausschmeißen.“ Doch er durfte bleiben und nutzte die Zeit als wertvolle Orientierungsphase und zur Legung handwerklicher Grundlagen. Seine Ausbildung beendet hat Enno Kalisch bei Lehrern, die er sich selber ausgesucht hat, zum Beispiel bei der Berliner Regisseurin Elke Schmid. „Ich strebte zwar keine Laufbahn als Schauspieler an.“ Aber am Ende wurde er immer mehr zu einem. Auch durch die Improvisation, die ihm ausreichend Spielfläche für seine Vielseitigkeit bot. „Für mich ist Improvisation ein Arbeitsmittel, das ich für die unterschiedlichsten Bühnenprogramme verwenden kann.“ Kennengelernt hat er diese Form des Arbeitens während der Schauspielschule, als er damals in Kiel das Ensemble „Tante Salzman“ mitbegegründet hat. Vier Jahre verbrachte Enno Kalisch als Musiktherapie-Student in Heidelberg. „Das war künstlerisch einzigartig. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, Improvisationstheater und improvisierte Songs zu machen.“ Aus der Leidenschaft wurde ein Beruf, mal mit, mal ohne Improvisation.

Zu den Soloprogrammen, die er in Niebüll und Rodenäs zeigen wird: Die Idee, aus einem losen Gespräch eine Geschichte entstehen zu lassen, zwanglos, klinge wie ein Widerspruch in sich, meint der Künstler. Aber er macht es nun schon seit vielen Jahren genau so. „Man weiß nie, ob es eine oder mehrere Geschichten geben wird. Und das, was entsteht, ist jedesmal anders. Ich bin manchmal selber überrascht. Das Unwägbare als schöpferisches Potenzial erkennen: Das ist reizvoll, denn jedes Publikum, jeder Tag, jeder Ort ist anders.“

Enno Kalisch ist in erster Linie Solokünstler, tritt aber auch in Duos und einem Trio auf. Er liebt die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen – darunter sind Zeichner und Musiker. Wie muss eine erfolgreiche Arbeit beschaffen sein? „Persönlich, authentisch – ohne nur vordergründiges Entertainment. Wenn Du authentisch bist, findest Du Dein Publikum.“ Sein Soloprogramm ist ein Konzentrat aus allem, was er als Standbein auf und Spielbein neben der Bühne gemacht hat: Geschichten, Lyrik, Songs und Stille, und natürlich Unterhaltung und Kommunikation. „Darauf hat sich mit den Jahren alles hin entwickelt, und das macht genauso in dieser Form noch keiner. Ich mag es, Neuland auszuprobieren.“ Geschichten stehen stets im Zentrum. Selbst, wenn ihm das Publikum keine Bälle zuspielt, bedeutet das keine Krise für Enno Kalisch. „Ich erzähle einfach los.“ Einfach alles dient seiner Inspiration. „Es gibt hin und wieder Abende, an denen ich anfange nachzudenken, aber sie sind sehr selten“, sagt er lachend und fügt hinzu: „Das wäre ansonsten sehr anstrengend.“

Seit über 15 Jahren macht Enno Kalisch Improvisationstheater. Seit drei Jahren steht er regelmäßig vor der Kamera: „Es war wieder Zeit für etwas Neues, was meine bisherige Arbeit zugleich weiter entwickelt. Film ist ein wunderbares, intimes und minimalistisches Medium.“ Seither übernimmt er kleine Rollen. Es ist zwar ein unsicherer Berufszweig, zuviel sei vom Zufall abhängig. Dennoch: Seine Film- und Fernseh-Vita kann sich sehen lassen. Auftritte in vielen bekannten, norddeutschen Serien – darunter Küstenwache, Soko Wismar, Großstadtrevier – tauchen darin auf. „Oft spiele ich einen Polizisten. Mein Opa Peter Hinrichsen (Peter Lüt) war hier in Rodenäs Polizist. Aber ich bin auf diese Rolle nicht festgelegt.“

Ein Beispiel dafür ist der Berlin-Tatort „Gegen den Kopf“, der am 8. September, ab 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird. Enno Kalisch stellt einen Mann dar, der in der U-Bahn Zivilcourage beweist und getötet wird. „Es war abgefahren und intensiv, nachts in der U-Bahn zu drehen. Ich hatte tolle Kollegen, so zum Beispiel Edin Hasanovic und Jannik Schümann. Gedreht haben wir bis sechs Uhr morgens.“

Spannend war es, an einem international besetzten Kinofilm mit Max Riemelt mitzuwirken. In „Miasto 44“, einem Streifen von Jan Komasa, spielt er während des Warschauer Aufstandes 1944 einen Schlächter des Dirlewanger-Batallions der Waffen-SS. „Es war eine großartige Arbeit, aber auch heftig“, bekennt er, wenn er an die inszenierten Leichenberge denkt. „Zum ersten Mal habe ich gedacht: Du schaffst es nicht.“ Derzeit wird noch gedreht, gezeigt werden soll der Film auf der Berlinale. Kalischs nächstes Projekt ist das Musical „Die drei Musketiere“. Die Proben beginnen im September, Premiere ist am 4. Oktober in Saarbrücken.

Seine Bühnenprogramme organisiert Enno Kalisch so, dass zeitlich Raum für die Familie da ist. „Ich will sie noch genügend sehen, und zum Glück sie mich auch.“ Familie, Bühne und Film: „Wenn man davon absieht, wie sehr ich das Meer vermisse, ist die Mischung genau richtig. Alles ergänzt sich. Jetzt ist einfach schön.“

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